Die Stadt neu erfinden. Das ist die Ambition von Alphabet, der Muttergesellschaft von Google, die im Auftrag der Stadtverwaltung von Toronto, Kanada, an einer ultravernetzten, datengesteuerten Smart City arbeitet. Ein Projekt, das nicht nur Befürworter hat.

Willkommen in der Stadt der Zukunft. Eine Stadt mit Gebäuden in modularer Holzbauweise, einschließlich 30-geschossiger Hochbauten, die sich von Wohnungen in Büros und umgekehrt verwandeln lassen. Dazu kommen „dynamische Straßen“ mit einer Ausstattung, die sich an den jeweiligen Bedarf anpassen lässt. Beheizbare Straßendecken, um sie von Schnee und Eis freizuhalten. Automatisch ausfahrbare Unterstände, um Passanten vor Niederschlägen zu schützen. Ein unterirdisches Versorgungsnetz für die Belieferung per Roboter. Jeder Bürger erhält eine App mit Zugang zu allen Online-Diensten seines Viertels.

Diese mit Sensoren und Kameras gespickte Stadt der Zukunft ist dank künstlicher Intelligenz in der Lage, den Istzustand (Wasser- und Stromverbrauch, Fußgängerströme, Luftqualität, Füllstand der Abfallcontainer, Parkplatzbelegung) zu erfassen, Veränderungen vorherzusehen und sich anzupassen.

Dieses ultravernetzte Smart-City-Projekt nennt sich Sidewalk Toronto und ist im Augenblick erst ein Konzept der Firma Sidewalk Labs. Die auf Smart-City-Anwendungen spezialisierte Alphabet-Tochter und Google-Schwestergesellschaft hat 2017 eine Ausschreibung der öffentlich-rechtlichen kanadischen Gesellschaft Waterfront Toronto gewonnen, die damit betraut wurde, 320 Hektar Industriebrache am Ufer des Ontario-Sees umzunutzen und dort einen „anpassbaren, nachhaltigen, inklusiven und ansprechend gestalteten“ öffentlichen Raum zu schaffen.

Avantgardistisches Stadtviertel

Sidewalk Labs soll auf 5 Hektar Fläche das neue Stadtviertel Quayside entwickeln. Die avantgardistische Planung wird dabei stark auf Digitaltechnologien setzen, um Lösungen für Probleme zu bieten, mit denen heute alle Großstädte konfrontiert sind, wie Energieverbrauch, hohe Wohnungspreise und Verkehrsstaus.

Sidewalk Labs hat für dieses Projekt ein Budget von 1,3 Milliarden Dollar angesetzt und hofft, bis 2040 das Interesse für 38 Milliarden Dollar Privatinvestitionen zu wecken. Potentiell könnten 44.000 Arbeitsplätze geschaffen und 4,3 Milliarden Dollar öffentliche Einnahmen daraus generiert werden. Alphabet hat bereits angekündigt, die Google-Zentrale dorthin verlegen zu wollen.

Toronto ist für den Internet-Riesen zu einem Experimentierfeld enormer Größe geworden. „Vernetzung, Sensoren und soziale Netzwerke können für das Leben in der Stadt eine echte Transformation bewirken. Einige sagen, nur Großunternehmen hätten einen Vorteil davon, für die Gesellschaft insgesamt wäre es eher negativ. Wir sehen das nicht so“, meinte Rit Aggarwala, einer der Sidewalk Labs Manager, bei einem Vortrag im Januar 2019 anlässlich der Consumer Electronic Show in Las Vegas.

DSGVO-kompatibel? 

Den zuversichtlichen Worten von Sidewalk Labs schließen sich nicht alle an. Die Alphabet-Initiative stößt zum Teil auf scharfe Kritik. Das massive Erfassen personenbezogener Daten, die ein solches Projekt erfordert, ruft datenschutzrechtliche Bedenken hervor. Wer ist Eigentümer dieser Daten? Wer darf sie nutzen?

Bürger und NGOs drängen die Stadt Toronto, sich an das Vorbild von Barcelona, Amsterdam oder Montreal zu halten. Dort ist man im Gegenteil bemüht, für die Erfassung und Nutzung urbaner Daten einen Rahmen abzustecken. Solche Maßnahmen, um die Datennutzung besser zu regeln, erfolgen häufig in Anlehnung an die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die in den Ländern der Europäischen Union seit Mai 2018 in Kraft ist.

Alexandre Lazarègue, Gründer der auf Datenschutzrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Lazarègue Avocat, warnt jedoch: „Die DSGVO, die vor allem auf die Datenschutz-Compliance von Unternehmen abzielt, wäre keinesfalls ein Hindernis für ein Projekt wie Google City in Europa, vorausgesetzt die Daten werden anonymisiert und für einen legitimen Zweck erfasst und genutzt. Ein solcher kann im Übrigen auch Marketing sein.“

Eine neu zu erfindende Governance

Nach Meinung des Juristen „hängt die Würde des Menschen vom Schutz seiner Privatsphäre ab. Und die ist heute bedroht.“ Angesichts der zunehmend digitalisierten Gesellschaft und der Vielzahl vernetzter Gegenstände reicht die Verantwortung des Einzelnen nicht mehr aus.

„Google City – das ist bereits der Fall in unserer heutigen Welt, in der personenbezogene Daten ständig miteinander vernetzt und verknüpft werden. Will man sich davor schützen, muss an den Gesetzgeber appelliert werden. Er muss seine Rolle als Garant des Allgemeininteresses wahrnehmen und zum Beispiel die komplette Anonymisierung von Daten fordern. Es ist nie gut, wenn eine Organisation, die Partikulärinteressen vertritt, Aufgaben von Allgemeininteresse übernimmt“, meint Alexandre Lazarègue.

Angesichts dieser Kritik hat Sidewalk Labs die Schaffung einer unabhängigen Stelle für das Management von Google City-Daten vorgeschlagen. Die Idee ist nicht so einfach zu verwirklichen und wirft zahlreiche Governance-Fragen auf. Die Thematik wird in der ganzen Welt von Architekten, Urbanisten und Betreibern städtischer Einrichtungen weiterverfolgt, denn sie sind alle zunehmend damit konfrontiert, wie mit Daten umzugehen ist.

16/01/2020