Martin Duval, Mitbegründer von Bluenove, erklärt, wie Civic Technology-Anwendungen, z.B. seine Diskussionsplattform Assembl, die Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Stadtverwaltung verändert und fördert.

Wenn digitale Anwendungen und der offensichtliche Wille der Bürger, bei der Gestaltung ihrer Stadt wirksam mitzumischen, aufeinandertreffen, ändert sich das Blatt für alle, die an der Entscheidungsfindung mitwirken. Für politische Entscheidungsträger, wie bei der Erarbeitung der Programme anlässlich der französischen Präsidentschaftswahlen 2017 zu sehen war, aber auch in der Wirtschaft oder in der Stadtverwaltung, wo sich bei der Projektplanung nach und nach Ko-Konstruktionskonzepte durchsetzen.

Zur Begleitung dieser Transformation hat die Firma Bluenove die Plattform Assembl, ein Tool für „digitale Massenintelligenz“, entwickelt, mit dem die Stadt Paris 2016 gemeinsam mit ihren Bewohnern den Leitplan „Smart City 2020 und danach“ erstellt hat. Martin Duval, Mitgeschäftsführer von Bluenove, erklärt, wie „Co-Creation von neuem Wissen“ mithilfe von Civic Technology die Stadtverwaltungen dabei unterstützen wird, die Stadt von morgen zu bauen.

Was kann Ihre Plattform Assembl in puncto Co-Construction der Stadt, was herkömmliche Bürgerforen und Ideenboxen nicht auch könnten?

M.D. Assembl ist ein Tool, das sich einer großen Fragestellung annimmt, den Dialog mit tausenden von Personen aufnimmt und nach zwei Monaten ein gemeinsam mit allen Teilnehmern erarbeitetes Ergebnis vorlegt. Das kann ein Aktionsplan sein, eine Reihe von Projekten, ein Manifest oder ein Katalog an Empfehlungen. Die Plattform nutzt die Funktion Forum, die sich zwar auf künstliche Intelligenz (KI) stützt, aber von Menschen gesteuert wird. Wir glauben nicht an einen von der Maschine selbstständig geführten Dialog. Es sind Dialogmoderatoren, die da und dort dank KI herausgefilterte Ideen aus Gesprächen aufgreifen und als neuen Diskussionspunkt bestätigen, um die Debatte voranzutreiben. Gegenüber Smart City, generell mit technischem Beiklang, ziehe ich den Begriff „Smart Citizen“ vor.

Inwieweit ändern Civic Tech-Anwendungen die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten?

M.D. Mit Civic Tech-Anwendungen wird kollektive Intelligenz generiert. Wir sind hier an einer Wende angelangt. Wir verlassen im Hinblick auf Methoden die Dürrezeit des Referendums. Der Brexit ist der Nullpunkt kollektiver Intelligenz, insofern als nur eine Frage gestellt wurde, auf die nur mit ja oder nein geantwortet werden konnte. Man hätte die Briten fragen können: „Was sollte getan werden, damit Großbritannien den bestmöglichen Vorteil aus Europa zieht?“ Aus einer solchen Großdebatte hätten Empfehlungen abgeleitet und ein zusammen mit den Bürgen ko-konstruierter Aktionsplan erstellt werden können. Mit diesen Technologien werden demokratische Ko-Konstruktions- und kollektive Mitentscheidungsprozesse möglich, die für viele Entscheidungs- und Mandatsträger die Art zu arbeiten verändern werden, wenn sie sich auf das Innovationspotenzial, das aus dieser Debatte hervorgeht, einlassen.

Welchen Erfahrungsrücklauf haben Sie bereits aus der Plattformnutzung?

M.D. Assembl bot der Stadt Paris die Möglichkeit, den Bürgern 2016 den Leitplan „Smart City 2020 und danach“ vorzulegen, die diesen dann mithilfe von Assembl angereichert haben. Ebenfalls 2016 führte eine Assembl-Debatte im Vorfeld der Konferenz „Cities for life“ zum konkreten Ergebnis von „45 Empfehlungen für eine inklusive und intelligente Stadt“. Assembl – heute UGAP-gelistet, das ist die staatliche Stelle, die den Katalog der staatlich anerkannten Anbieter verwaltet – kann auch dazu dienen, den Begriff der Bürgerbefragung und Konzertierung neu auszulegen, denn damit lassen sich alle Interessengruppen in den Austausch einbeziehen und ein häufig langwieriger, kostspieliger Prozess auf zwei Monate begrenzen.

 

17/05/2018