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Mit rund dreißig Netzen in Betrieb und genauso vielen Bau- und Erweiterungsprojekten sind Straßenbahnen insbesondere in französischen Mittelstädten äußerst erfolgreich unterwegs.

In Frankreich kamen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Straßenbahnen auf – zunächst wurden sie von Pferden gezogen, um die Jahrhundertwende dann elektrifiziert. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden die vorhandenen Netze allerdings massiv zurückgebaut. In den 1980er Jahren kam es dann wieder zu Neubauprojekten in Großstädten wie Nantes, Grenoble, Straßburg oder Lyon.

Zwischenzeitlich haben sich jedoch auch immer mehr Mittelstädte für dieses Nahverkehrsmittel entschieden. Und der Trend scheint sich zu verstetigen. „Seit der Jahrtausendwende hat es viele Neubau- und Erweiterungsprojekte in sämtlichen großen Ballungsräumen Kontinentalfrankreichs gegeben“, sagt Stéphane Berthet, Leiter von Mobility Signalling, eine auf Eisenbahn-Signaltechnik spezialisierte Business Unit von VINCI Energies.

Derzeit sind in Frankreich etwa dreißig Tramnetze in Betrieb und es gibt fast ebenso viele Neubauprojekte. Im Vorfeld der Kommunalwahlen 2026 war die Lokalpolitik wahrscheinlich besonders darauf erpicht, sich durch die Einweihung großer Infrastrukturvorhaben hervorzutun.

Nur Schusters Rappen und Rad sind noch umweltfreundlicher

Aber die Tram-Begeisterung der Stadtverwaltungen hat durchaus objektive Gründe. Denn dieser Verkehrsträger hat (fast) nur Vorteile. Schließlich handelt es sich nach Schusters Rappen und Fahrrad um das umweltfreundlichste Transportmittel überhaupt – und das in einer Zeit, wo Städte ihre Treibhausgasemissionen in allen Bereichen senken wollen. Laut der französischen Umweltagentur ADEME werden für Bau und Betrieb pro Fahrgast und Kilometer nämlich nur 4,28 g CO₂-Äq ausgestoßen. Das ist weniger als bei Elektrobussen (21,7 g CO₂-Äq) und erheblich weniger als bei Dieselbussen (113 g CO₂-Äq).

Weitere Argumente, die für die Tram sprechen: Sie ist leise, schneller als der Bus (Durchschnittsgeschwindigkeit 15 bis 20 km/h) und aufgrund der Niederflurbauweise besser für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet.

„Der Bau einer Straßenbahn wirkt auf die Stadtentwicklung wie ein Katalysator.”

Der Nachteil: Straßenbahnen sind weniger flexibel als Busse. Bei Störungen oder Bauarbeiten müssen die Linien ganz oder teilweise per Schienenersatzverkehr bedient werden. Vor allem aber sind umfangreiche Investitionen erforderlich. Eine Tramlinie ist geschätzt zwei- bis dreimal teurer als eine Buslinie. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Ein Straßenbahnnetz erfordert umfangreiche Bauarbeiten.

Triebfeder der Stadtentwicklung

„Die Verwirklichung einer Straßenbahn wirkt auf die Stadtentwicklung wie ein Katalysator“, betont Stéphane Berthet. „Sie ist oft nur ein Baustein eines groß angelegten Stadtumbauprojekts mit neuer Infrastruktur, dem Ausbau der Nahversorgung und der Vernetzung mit anderen Verkehrsträgern im Sinne einer durchdachten Intermodalität.”

So beispielsweise in Lyon, wo der Nahverkehrsbetreiber SYTRAL Mobilités die zwei neuen Linien T9 und T10 baut. Damit werden Gemeinden wie Vénissieux und Vaulx-en-Velin angebunden, die bisher vom Stadtzentrum aus kaum per ÖPNV erreichbar waren.

Gleichzeitig sollen entlang der neuen Strecken Radwege zur Förderung eines weiteren umweltfreundlichen Verkehrsträgers gebaut werden. Die Inbetriebnahme ist noch im Jahr 2026 geplant. Der Nahverkehrsbetreiber hat zudem eine Industriebrache (die ehemaligen Fagor-Werke) aufgekauft und errichtet dort einen neuen Betriebshof.

„Diese beiden zusätzlichen Linien führen nicht nur zu einem erheblichen Wandel im städtischen Raum, sondern erfordern auch komplexe technische Entwicklungen. Die Signaltechnik unterliegt beispielsweise genauso strengen Sicherheitsvorgaben wie die Kerntechnik oder die Luftfahrt. Deshalb ist hier sehr fundiertes Fachwissen erforderlich“, so Berthet weiter.

Kampf um Fachkräfte

Fachkräfte auf einem durch die wachsende Anzahl von Projekten ohnehin überdehnten Arbeitsmarkt zu finden, ist eine große Herausforderung für die mit der Bauausführung oder der Materiallieferung beauftragten Firmen.

TranzCom Energy Distribution, ein Unternehmen von VINCI Energies, war am Los Elektrotechnik der am 25.04.2025 eingeweihten Tram im belgischen Lüttich beteiligt. „Im Januar 2020 haben wir einen Auftrag über acht Traktionsstrom-Unterwerke an der Strecke und ein Unterwerk im Betriebshof erhalten. Wir sind in Belgien als Fachfirma für Traktionsequipment anerkannt. Für uns bestand jedoch die größte Schwierigkeit darin, das für die Projektdurchführung notwendige Kompetenzniveau zu halten. Für das gesamte Unternehmen und projektübergreifend haben wir in der letzten Zeit acht Ingenieur:innen eingestellt, um diese sehr spezifischen Traktionskompetenzen aufrechtzuerhalten “, erklärt Christophe Vandenbroucke, der Geschäftsleiter von TranzCom.

Wie lange wird diese „Tram-Manie“ noch weitergehen? Das Rollmaterial ist ziemlich langlebig (30 bis 40 Jahre) und die Schienennetze befinden sich allgemein in gutem Zustand – bestimmte Technologien sind jedoch zwischenzeitlich veraltet. „In den nächsten Monaten und Jahren werden wir immer mehr Ertüchtigungsprojekte sehen, die Nachfrage steigt. Wenn man sich wie wir mit der Systemintegration von Steuerungs- und Kommunikationstechnik befasst, bleiben Straßenbahnen deshalb auch in Zukunft ein wichtiger Markt“, so Stéphane Berthet.

16/04/2026