Wie können französische Mittelstädte wieder zum Schrittmacher des Wandels werden? Im Rahmen einer Konferenz der Denkfabrik La Fabrique de la Cité gab der Geograf Achille Warnant eine Reihe von Anregungen. Angefangen bei der Berücksichtigung der regionalen Vielfalt und zielgerichteten Förderprogrammen.

Französische Mittelstädte sind unmittelbar von den Auswirkungen der Erderwärmung, des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs sowie der alternden Bevölkerung betroffen. Lange Zeit lagen sie im toten Winkel von Politik und Medien, aber seit einigen Jahren wächst das Interesse seitens der französischen Regierung wieder.
Der Start von Programmen wie „Stadtzentrum von morgen“, „Modellprojekt Stadtzentrum“ oder „Aktion Stadtmitte“ in den Jahren 2015 bis 2018 zeigt den Willen der Exekutive, Regionen, die häufig unter Abwanderung, Leerständen und sozialem Abstieg leiden, neues Leben einzuhauchen.
Aber darf man überhaupt automatisch davon ausgehen, dass alle Mittelstädte auf dem absteigenden Ast sind? Sind sie nicht vielmehr auch Experimentier- und Innovationsfeld zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, ökologischen Fragestellungen? Unter welchen Bedingungen können sie neu durchstarten?
Um auf diese Fragen zu antworten, organisierte La Fabrique de la Cité am 09.11.2025 eine Konferenz über den Platz und die Rolle der Mittelstädte in ihrer jeweiligen Region. Bei dieser Gelegenheit konnten wir uns mit Achille Warnant austauschen, Fachgeograf für Mittelstädte und Co-Direktor der Beobachtungsstelle für lokale Versuche und Innovationen der Fondation Jean-Jaurès. Er ist Autor des Essays „Vor welchen Herausforderungen stehen Mittelstädte in Zeiten des Wandels?“.
Berücksichtigung der regionalen Vielfalt
Die in den letzten Jahren umgesetzten Förderinstrumente für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Mittelstädten, zum Aufholen von Entwicklungsrückständen, zur Unterstützung von Wohnungsbau, Mobilität und Geschäftsleben haben zweifellos eine Lücke geschlossen. Allerdings haben sie auch Schwächen.
Angefangen beim Gießkannenprinzip. Weil alle Probleme gleichermaßen angegangen werden sollen, wird keines richtig gelöst, fasst Warnant zusammen. „Der Leerstand von Ladenlokalen ist sicherlich ein grundlegender Trend. In vielen Mittelstädten stehen über 15 % der Flächen leer, insbesondere in Nordostfrankreich. Gleiches gilt für leerstehende Wohnungen. Aber dennoch dürfen nicht alle Städte über einen Kamm geschoren werden.”
Fördermaßnahmen können nur wirken, wenn sie zielgerichtet sind.
So geht die Bevölkerung in Nordost- und Zentralfrankreich dauerhaft zurück, während der Süden und Westen noch immer relativ gefragt sind. Gleiches gilt für Städte in Metropolregionen, Grenz- oder Küstennähe.
Der Geograf empfiehlt daher, die Unterschiede zwischen den Städten mit ihren vielfältigen Gegebenheiten und Entwicklungsverläufen besser zu berücksichtigen.
Fruchtbares Terrain für regionale Innovationen
Trotz aller geografischen Unterschiede gibt es in vielen Mittelstädten Initiativen und Modellprojekte der lokalen Politik, Wirtschaft und Vereinslandschaft. Allerdings „wird diese Dynamik noch nicht ausreichend anerkannt. Sie hätte mehr Unterstützung verdient, damit diese Städte mehr Gewicht in ihren jeweiligen Regionen bekommen“, so Warnant.
Für diese Dynamik gibt es zahlreiche Beispiele: In Montbrison (Zentralfrankreich) entstand auf einer Industriebrache ein modernes, funktionales Stadtviertel; in Epinal (Vogesen) wurden Bestandsgebäude umgewidmet, um ein weitere Zersiedlung zu vermeiden, und ein städtischer virtueller Assistent eingeführt; in Vierzon (Westfrankreich) wurde eine Immobiliengesellschaft gegründet, die neue Ladengeschäfte in der Innenstadt ansiedeln soll; Modellprojekt „Region mit null Langzeitarbeitslosen“ in Laval (Westfrankreich), Kampf gegen Wohnungsleerstand in Cahors (Südwestfrankreich), kostenloser ÖPNV in Châteauroux (Westfrankreich); Implementierung eines vernetzten Campus in Nevers (Zentralfrankreich); PV-Anlagen auf Industriegebäuden in Le Creusot und Montceau-les-Mines (Zentralfrankreich).
Keine Attraktivität um jeden Preis
Wie können also Förderprogramme für Mittelstädte beibehalten, aber gezielter eingesetzt werden? Achille Warnant ruft zur Einrichtung eines nationalen Fonds für regionale Modellprojekte auf, um innovative Initiativen vor Ort zu fördern. Sie sollen ausgehend von den Besonderheiten der jeweiligen Region festgelegt und im Rahmen eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Gebietskörperschaften, staatlichen Stellen und institutionellen Partnern durchgeführt werden.
Ein weiterer Ansatz, den der Forscher vorschlägt: Nicht um jeden Preis für mehr Attraktivität sorgen wollen, weil das die Zusammenarbeit in der Region schädigt und zu einem kontraproduktiven Wettbewerb zwischen zwei Nachbarorten führen kann.
In seinen Augen können öffentliche Fördermaßnahmen nur dann wirken, wenn sie entsprechend zielgerichtet sind. „Diskrepanzen müssten klar erkannt und Ressourcen in den Regionen gebündelt werden, die es am nötigsten haben. Das würde allerdings die genaue Erfassung der jeweiligen Schwächen mittels quantitativen und qualitativen Kennzahlen voraussetzen.”
16/03/2026