In einem Bericht zur Industrie 4.0 in Frankreich fordert das Institut Montaigne die Gründung von zwanzig Schwerpunktzentren im ganzen Land. Eine Analyse von Vincent Bouffard, einem Vorstandsmitglied von VINCI Energies.

Die Industrie der Zukunft, kurz Industrie 4.0, beschränkt sich nicht auf ein paar Schlagwörter wie Cobotik, künstliche Intelligenz, Blockchain, erweiterte Realität oder prädiktive Wartung. Es handelt sich vielmehr um eine echte Revolution der Industrielandschaft, und deren Potenzial könnte zur „Reindustrialisierung Frankreichs“ führen. So lautet das Fazit des Berichts „Industrie du futur, prêts, partez !“, der im September 2018 vom Institut Montaigne gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) veröffentlicht wurde.

Noch steht diese Revolution ganz am Anfang, und damit sie erfolgreich die Versprechen der neuen Technologien erfüllen kann, muss sie „dringend schneller umgesetzt werden“, wie die Verfasser des Berichts mahnen. Bevor sie ihre Hauptempfehlung aussprechen, nämlich die Gründung von zwanzig Schwerpunktzentren in Frankreich, ziehen sie eine sehr durchwachsene Bilanz.

Frankreich hat Trümpfe, die dem Land zu starkem Wachstum verhelfen können, und startet nicht bei null: Die Reform der beruflichen Bildung geht in die richtige Richtung, genauso wie die Überlegungen hinsichtlich der Unternehmensbesteuerung, der Bericht über die künstliche Intelligenz, die Unterstützung des 3D-Drucks oder die Neugestaltung der Rollen der verschiedenen Branchen mit France Industrie. Es gibt Hilfsprogramme und Exzellenzzentren, jedoch „sind die Strukturen aufgesplittert“ und ihre Effizienz steht in Frage.

Bei den Investitionen der KMU (kleinen und mittelständischen Unternehmen) und der mittelgroßen Firmen sieht es schlecht aus. In nur 13 Prozent von ihnen genießt die digitale Transformation strategische Priorität, wie eine Umfrage von BPI France im September 2017 zeigte. Allerdings kann die industrielle Revolution nicht ausschließlich von den Großkonzernen vorangetrieben werden, bei denen der Bericht durchaus Stärken feststellt.

Einbindung des Mittelstands dringend geboten

Vincent Bouffard, Vorstandsmitglied von VINCI Energies (800 Business-Units in Frankreich), bestätigt die Diagnose und die dringende Notwendigkeit, Mittel und Wege zur Einbindung des Mittelstands in die industrielle Revolution zu finden.

Seiner Ansicht nach „sind die Chefs von Industrieunternehmen derart mit akuten betrieblichen und personellen Problemen beschäftigt, dass sie ganz andere Sorgen haben als die digitale Transformation. Deshalb bin ich nicht sicher, ob die vom Institut Montaigne vorgeschlagenen zwanzig Schwerpunktzentren ausreichen, damit sie über den Tellerrand hinausblicken und sich auf die Industrie der Zukunft einstellen.“

Die Schwerpunktzentren, so der Bericht, sollen eine breite Servicepalette in den Bereichen Innovation, Aus- und Fortbildung sowie Flankierung anbieten.

Wie aber kann man einen Bereich erfolgreich gestalten, wenn bestehende Programme teilweise versagt haben? Wie knüpft man Kontakte zwischen den KMU und dem Ökosystem aus Großkonzernen, Technologielieferanten, Start-ups, Ausbildungszentren, Beratungsfirmen und Fördereinrichtungen?

Auf die Branche kommt es an

„Indem man sich konsequent auf die jeweilige Branche ausrichtet“, meint Vincent Bouffard, für den die Schwerpunktzentren noch engmaschiger aufgestellt sein müssten, um nahe bei den Entscheidungsträgern zu sein, und sich jeweils auf spezifische Branchenlösungen konzentrieren sollten. „Ein KMU im Lebensmittelsektor wird sich sicher für eine Rückverfolgbarkeitslösung mittels Blockchain interessieren, aber vielleicht weniger für den 3D-Druck“, erläutert er.

„Ausgangspunkt muss die Leistungsverbesserung sein, nicht die technische Implementierung.“

Um die Firmenchefs zu erreichen, fügt das Vorstandsmitglied von VINCI Energies hinzu, muss unbedingt „über die Anwendungsmöglichkeiten gesprochen werden, nicht über die Technologie“. Es soll also konkret erklärt werden, wozu eine Lösung dient und nicht, wie sie funktioniert.

Nur mit Innovationen, die in der Fabrik sofort operativ umgesetzt werden können, kann man das Interesse eines KMU wecken“, ergänzt Bouffard, der die Vorschläge im BCG-Bericht voll und ganz unterstützt: „vom Ziel der Leistungssteigerung ausgehen, nicht von der technologischen Umsetzung“. Schließlich ergibt sich nur 10 Prozent des Potenzials aus der Technik selbst, der Löwenanteil jedoch aus der Art und Weise, wie die Mitarbeiter diese einsetzen.

Beispiel Factory Lab

Der Bericht des Institut Montaigne unterstreicht außerdem, dass „80 Prozent des Potenzials bereits mit bestehenden Fertigungsanlagen ausgeschöpft werden kann, wenn die neuen Technologien in vorhandene Ausrüstungen und IT-Systeme integriert werden“.

Vincent Bouffard bestätigt dies und nennt als Beispiel die operative Innovation, die das Factory Lab entwickelt hat, die von VINCI Energies mitgegründete „Projektfabrik“ in Saclay bei Paris. Eine Stahlbaufirma brauchte eine Transportlösung für schwere Teile in ihren Werkstätten. Aufgrund der Gegebenheiten vor Ort konnte allerdings nicht auf die „Lösung 4.0“ par excellence zurückgegriffen werden, das vollautomatische, fahrerlose AGV (Automated Guided Vehicle).

Deshalb entwickelte das Factory Lab ein System, bei dem ein Fahrer mit einem schmalen Wagen unterwegs ist, auf dem ein Greifarm installiert ist. Dieses Fahrzeug ist wendig genug, um auch dort eingesetzt zu werden, wo es für ein AGV kein Durchkommen gibt. „Wir konnten ja nicht das Werk abreißen und neu bauen! Also hat sich die technische Innovation entsprechend angepasst“, so Bouffard. Schließlich geht es nicht um einen möglichst glanzvollen Auftritt für die Industrie der Zukunft, sondern um die kontinuierliche Verbesserung von Verfahren und Leistungsfähigkeit.