Ein Artikel unseres Partners Usbek & Rica

Ein Smartphone-Wechsel alle zwei bis drei Jahre, weil die Batterie nicht ausgewechselt werden kann, die Android-Version veraltet oder der Bildschirm defekt ist, scheint zur Norm geworden zu sein. Schicksal? Nicht unbedingt.

Vielfach hört man, dass bei Elektro- und Elektronikgeräten das frühzeitige Auftreten von Störungen einer „programmierten Obsoleszenz“ zuzuschreiben ist,  d.h. Produkte werden absichtlich so konzipiert, dass sie nicht lange halten. Eine kaum bzw. ungenügend angegangene Herausforderung mit erheblichen Folgen, sei es wirtschaftlich (Überproduktion, Überkonsum) oder umweltbezogen (Recycling von häufig umweltbelastenden Elektronikkomponenten).

Ist man sich dessen bewusst?

Ich bin nicht sicher, ob Verbraucher in Sachen programmierter Obsoleszenz Bescheid wissen. Sie stellen zwar fest, dass die Geräte nicht lange halten, aber den meisten ist nicht bewusst, dass Hersteller die Haltbarkeit absichtlich begrenzen“, meint Nicolas Bard, Gründer von Make ICI, einem kollaborativen, solidaritätsorientierten Herstellernetzwerk mit Werkstätten in Stadtzentren (Fablabs), die eine professionelle Maschinen- und Geräteausstattung und Coworking Spaces bieten.

Auf den Punkt gebracht, wird Obsoleszenz festgestellt und auch hingenommen, die Tatsache, dass sie „vorprogrammiert“ ist, jedoch nicht unbedingt. Die meisten Verbraucher haben sich zweifellos damit abgefunden, dass sie ihre Elektronik- und Haushaltsgeräte systematisch in kurzen Abständen erneuern müssen.

Der Gesetzgeber hingegen hat heute das Prinzip der geplanten Obsoleszenz im Visier. Das Europaparlament hat die EU-Kommission im Juli 2017 in einer Entschließung zur Rechtsetzung aufgefordert. „Produkte mit beabsichtigt konstruierten Schwachstellen, die dazu führen, dass sie nach einer vorab festgelegten Anzahl von Einsätzen defekt und letztendlich nicht mehr funktionsfähig sind, führen nur dazu, dass das Vertrauen der Verbraucher eingebüßt wird, und sollten keine Marktzulassung erhalten”, heißt es in der Entschließung, „im Rahmen der Fortentwicklung der Kreislaufwirtschaft müssen die Reparierbarkeit, Anpassbarkeit, Nachrüstbarkeit, Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit gefördert werden, damit sich die Lebens- und die Nutzungsdauer verlängern.”

Aus dieser Initiative ist zwar noch kein verbindliches EU-Recht hervorgegangen, einige Länder haben jedoch eine Vorreiterrolle übernommen. Die italienische Wettbewerbsbehörde verhängte im Oktober vergangenen Jahres gegen Apple und Samsung Geldbußen von 10 bzw. 5 Millionen Euro wegen „unlauterer Praktiken“. Der Begriff „programmierte Obsoleszenz“ wurde zwar nicht direkt genannt, aber genau darum ging es, da beide Hersteller die Nutzer auffordern, Updates zu installieren, die eine Verlangsamung des Systems zur Folge haben und die Verbraucher dazu drängen, ein neues Gerät zu kaufen.

Der Widerstand organisiert sich

Nicolas Bard zufolge wird „der Begriff Obsoleszenz kaum in den Mund genommen, und sind Reaktionen nach wie vor eher selten”. Dennoch gibt es sie.

Hersteller neues Zuschnitts wie Fairphone, der ein „modulares, für eine lange Lebensdauer konzipiertes“  Smartphone anbietet, versuchen die Grundsätze Kreislaufwirtschaft, Recycling und Wiederverwendung von Komponenten zu verwirklichen. Der nachhaltigkeits- und umweltorientierte Schweizer Hersteller Why! bietet Rechner mit einer Lebensdauer von zehn Jahren und darüber an, bei denen sich „mit Ausnahme der Hauptplatine mit einem einfachen Schraubendreher in weniger als einer Viertelstunde jede beliebige Komponente auswechseln lässt”.

Weitere Initiativen helfen dem Konsumenten, die Lebensdauer seiner Geräte zu verlängern: iFixit ist eine Art DIY-Wikipedia mit zig tausend Videos und Tutorials, die für mehr als 13.000 Telefon-, Kamera-, Staubsauger- und sonstige Modelle Reparaturanleitungen bietet und so den Weg zum Recyclinghof erspart. Ein Zeichen der Zeit ist auch der „Hinweis auf die Reparierfähigkeit von Rechnern“, den der Elektro- und Elektronikgeräteanbieter Fnac-Darty vor Kurzem seinen Produktbeschreibungen hinzugefügt hat.

Dazu kommt die Informations- und Lobbytätigkeit gegenüber öffentlichen Akteuren. Die französische Vereinigung HOP (”Halte à l’Obsolescence Programmée” – Stopp für programmierte Obsoleszenz) schlägt Alarm und ergreift ihrem Auftrag getreu eine Vielzahl an Maßnahmen, um „für das Thema programmierte Obsoleszenz Bewusstsein zu schaffen, sie mit allen Rechtsmitteln zu bekämpfen, die Verbraucher zu mobilisieren und politische und private Entscheidungsträger zu guter Praxis anzuhalten”. In diesem Sinne gründete sie im November 2018 einen „Langlebigkeitsclub“, der sich aus Unternehmen zusammensetzt, die sich zur Verlängerung der Lebenszeit ihrer Produkte verpflichten“.

Kultur des Reparierens

Sollten Hersteller effektiv die frühzeitige Alterung ihrer Produkte planen, kommt dennoch auch den Verbrauchern ein Teil der Verantwortung zu. Obsoleszenz ist zum Teil auch „psychologisch oder kulturell“ bedingt: Produkte sind nicht mehr „in“, wenn kurze Zeit später in der Werbung als noch leistungsfähiger gepriesene Nachfolgemodelle auf den Markt kommen“, ruft HOP in Erinnerung. Brauchen Sie wirklich das neueste iPhone, so attraktiv es auch sein mag?

Obsoleszenz lässt sich auch „deprogrammieren“ – ganz einfach durch Propagieren einer lebensdauerverlängernden „Kultur des Reparierens“ von elektronischem Gerät. „Diesen Hang zum Reparieren gibt es in Frankreich schon seit Langem. Viele Franzosen sind Heimwerker und reparieren selbst Dinge – Möbel, Türen usw. – in ihrem Haus oder ihrer Wohnung. Solche Arbeiten gelten als durchaus machbar und werden durch die Existenz von Heimwerkermärkten erleichtert”, erklärt Nicolas Bard. „Es genügt, diesen Sinn fürs Reparieren auf die Welt der Elektronik zu übertragen. Das ist eine Frage von Wissen und Fertigkeit, aber machbar”, merkt er abschließend an.

Zumindest in einigen Ländern wurde der Obsoleszenz der Kampf angesagt. In Kanada wird „der Kampf gegen die geplante Obsoleszenz mit Maßnahmen gebündelt, mehr zu reparieren”, berichtet Le Devoir. „Im Gegensatz zu den Angaben des Herstellers lässt sich bei einem iPhone so gut wie alles reparieren, auch die als nicht reparabel geltenden Motherboards, was jedoch nur wenige wissen”, erklärt Jonathan Belleteau, Mitbegründer der auf die Reparatur von Smartphones und Tablets spezialisierten Firma iPhoenix in Montreal. Sechs Mal pro Jahr werden in Montreal auch ”Repair Cafés“ organisiert, informelle Zusammenkünfte von Bürgern, die entschlossen sind, sich gegenseitig zu helfen, um Gebrauchsgegenstände jeder Art zu reparieren.

Gegen programmierte Obsoleszenz vorzugehen, kann über das Reparieren hinaus auch noch weiter gehen. Insertech, ein vor 20 Jahren gegründeter Verein, bietet in Montreal mittels Reparatur, Recycling und Verkauf generalüberholter Computer zu günstigen Preisen Programme zur Integration arbeitsmarktferner Jugendlicher. „Informatik kann sozial- und umweltverträglich sein“, versichert Insertech.

 

 

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