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Um die Kreislaufwirtschaft aus ihrem Schattendasein zu befreien und sie zu einem glaubwürdigen, lebensfähigen Produktionsmodell zu machen, muss die Wirtschaft die Umstellung ihrer eigenen Modelle forcieren. Allerdings sind dafür einige Bedingungen zu erfüllen.

Viel wurde bereits über die Kreislaufwirtschaft geschrieben, es gab reichlich Vorschusslorbeeren. Sie ist Medienliebling und politisches Mantra – aber dennoch kommt sie nicht aus den Startlöchern. Laut dem neuesten Bericht über den weltweiten Kreislaufwirtschaftsindex der NGO Circle Economy soll sie sogar rückläufig sein, denn zwischen 2018 bis 2023 sank ihr Anteil an der Weltwirtschaft von 9,1 auf 7,2 %.

Eine fragile Position – Gründe dafür sind die komplexe Umsetzung und insbesondere die Implementierung von Verfahren und Vorgehensweisen, die einen systemischen Ansatz erfordern. Es liegt an der Wirtschaft, insbesondere in besonders verschmutzungsintensiven Branchen wie dem Bau, die Weichen richtig zu stellen und die Kreislaufwirtschaft im großen Stil einzuführen, also zu „skalieren“.

Robustheit als Leitprinzip

Nur wie? Diese Frage stand im Zentrum des jüngsten „Building Beyond“-Festivals, im Mai 2025 in Paris, das von Leonard, der Zukunftsforschungs- und Innovationsplattform des VINCI-Konzerns, organisiert wurde.

Vielleicht am ehesten, indem man sich auf gemeinsame Ambitionen einigt. Es gibt zwei Arten der Kreislaufwirtschaft: die schwache und die starke. Bei der schwachen Kreislaufwirtschaft werden durch Verfahrensoptimierung und Recycling die Mengen an Rohstoffen, Energie und Abfällen reduziert, ohne jedoch tiefgreifend in den industriellen Prozess einzugreifen.

„Die starke Kreislaufwirtschaft ist systemischer und zukunftsorientierter. Sie zielt auf eine radikale Transformation des Wirtschaftsmodells ab, Stichwort längere Nutzungsdauer, Reparierbarkeit und Wiederaufarbeitung von Produkten. Leitprinzip einer solchen Form des Wirtschaftens ist die Robustheit“, fasst Yannick Gomez zusammen, Innovationsreferent des französischen Kommissariats für Atomenergie und alternative Energien (CEA).

„Die Kreislaufwirtschaft ermöglicht die Ressourcenkontrolle und kann so zum echten Wachstumsmotor werden.”

Er erwähnt das Konzept der Antifragilität des libanesisch-amerikanischen Statistikers und Philosophen Nassim Nicholas Taleb. Es beschreibt die Fähigkeit bestimmter Menschen, Organisationen und Systeme, Stress und Schocks nicht nur zu widerstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen.

Wachstumsmotor für die Baubranche

Die Kreislaufwirtschaft kann zu einem echten Wachstumsmotor für die Baubranche werden – schließlich behält sie so die Kontrolle über Ressourcen, Rohstoffe und Recyclingprodukte“, argumentiert Gomez.

Um zum rentablen Geschäft zu werden, muss die Kreislaufwirtschaft der linearen Wirtschaft rasch „Marktanteile“ abnehmen und von 7,3 % auf 30, 40 und schließlich 50 % wachsen. Eine Beschleunigung, die allerdings mehreren Bedingungen unterliegt. Zunächst einmal dem Aufbau eines relevanten Angebots. Nicht alle Materialien und Equipments sind gleich gut für die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft geeignet.

„Das Potential jedes Artikels muss vor dem Hintergrund interner technischer Leistungsdaten und externen Kriterien (Versicherungsfähigkeit, Akzeptanz usw.) geprüft werden“, erläutert Guillaume Graffin, Leiter Logistik- und Wiederverwertungsengineering bei VINCI Energies France – Tertiaire IDF.

Am einfachsten ist die Wiederverwendung in einer Branche, die besonders im Fokus steht: dem Bau. Dabei geht es um Stromkabel mit geringem Querschnitt. Cegelec Nord Grands Projets, eine Business Unit von VINCI Energies, hat Circable gestartet, einen Proof of Concept zum Thema Wiederverwendung von Stromkabeln aus Rückbauprojekten. Mit diesem Second-Hand-Angebot wird gleichzeitig das Ziel verfolgt, dass die Mitarbeitenden bei der Bestellung von Kabeln ganz automatisch auch an Recyclingartikel denken.

Systematisch statt optional

Eine weitere Voraussetzung für die erfolgreiche Einführung der Kreislaufwirtschaft ist, dass bei jeder Verhandlung auch eine „Kreislaufoption“ auf den Tisch gelegt werden kann. Das möchte VINCI Construction mit Ogêo erreichen, einem Gemisch aus Edel- und Recyclingsplitt.

„Wir wollen systematisch und exklusiv ein Produkt aus der Ogêo-Reihe anbieten und nach Möglichkeit auf lokale Sekundärrohstoffe zurückgreifen“, unterstreicht Blandine Revest, Leiterin Baustoffe bei VINCI Construction France. Die Anteile von Edel- und Recyclingsplitt in der Rezeptur dieses Baustoffs werden an die technischen und ästhetischen Vorgaben der jeweiligen Auftraggeber:innen und Projekte angepasst.

Von der Konkurrenz zur „Kooperenz“

Systematisch anbieten, aber ohne Zwang und bedarfsgerecht: Dieser Grundsatz gilt für die Kreislaufwirtschaft mindestens genauso wie für die lineare Wirtschaft, reicht aber für die Skalierung nicht aus. Wie kann sichergestellt werden, dass das, was Marktteilnehmer X fast immer als Abfall betrachtet, für Marktteilnehmerin Y zur Ressource wird?

„Es braucht neuartige Kooperationsmodelle, Koalitionen mit fünf bis zehn Teilnehmer:innen, die gemeinsam und auf Grundlage einer genau festgelegten Methodik konkrete Maßnahmen in konkreten Bereichen entwickeln“, meint Raphaël Masvigner, Mitgründer von Circul’R, einer auf die Transition von Unternehmen und Regionen spezialisierten Beratungsfirma.

So wurde im Januar 2025 im französischen Ministerium für Wirtschaft, Finanzen sowie industrielle und digitale Souveränität eine „Koalition Kreislaufindustrie“ gegründet, in der große Industriefirmen über drei Schwerpunktbereiche nachdenken: Erkennung von Risiken der Kreislaufwirtschaft, Entwicklung von angepassten Strategien für die Kreislaufwirtschaft sowie operative Umsetzung der entwickelten Lösungen. Diese Arbeiten sollen 2026 in einen Untersuchungsbericht mit Handlungsempfehlungen für private und öffentliche Entscheidungsträger münden.

Wir müssen die Kreisläufe öffnen und aus Konkurrenz „Kooperenz“ machen. So können wir endlich ins Handeln kommen“, unterstreicht Yannick Gomez vom CEA.


Voraussetzungen der Skalierung

  • Strukturelle Umstellung von Produktions- und Verbrauchsmodellen zu einer Funktionsökonomie
  • Wirtschaftliche Akzeptanz der Angebote durch Arbeit an der Preisgestaltung. Dazu müssen die Kosten für Erfassung, Sortierung, Recycling und Wiederverwendung gesenkt werden
  • Aufbau von Wiederverwendungsplattformen in Baustellennähe oder zumindest in der Region
  • Sensibilisierung der öffentlich-rechtlichen und privaten Auftraggeber:innen sowie aller Glieder der Wertschöpfungskette für die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft
  • Berücksichtigung in der öffentlichen Politik und in den geltenden Regelwerken (französisches Kreislaufwirtschaftsgesetz (AGEC), erweiterte Herstellerverantwortung)
  • Einrichtung von Fachgruppen zur Erarbeitung von Handlungsempfehlungen

15/01/2026