Die Hauptstadt Estlands ist ein „Smart City“-Vorbild für das ganze Land. Der Erfolg ihrer digitalen Transformation beruht auf drei Pfeilern: breiter Zugang, Interoperabilität und Ergonomie.

Die Geschichte und Geografie des Landes hätten für Estland ein Handicap auf dem Weg der Digitalisierung sein können, haben sich letztlich jedoch als Vorteil herausgestellt. Das kleine Land mit etwas mehr als 1,3 Millionen Einwohnern und einer Fläche in der Größe der französischen Region Rhône-Alpes, das sich 1991 nach dem Herauslösen aus der Sowjetunion neu aufstellen musste, gehört heute in Sachen Digitalisierung zur Weltspitze: 85 Prozent der Bevölkerung hat einen Breitbandanschluss, 100 Prozent der Arztrezepte werden online ausgestellt, sämtliche Schulen sind vernetzt, 30 Prozent der Esten stimmen bei Wahlen online ab.

Interessant ist jedoch abgesehen von diesen Zahlen die Art und Weise, wie Estland die digitale Transformation geplant und umgesetzt hat. Vorreiter war Tallinn, wo mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt.

Die Formel lautet: breiter Zugang, Interoperabilität und Ergonomie. Der gemeinsame Nenner? Der Nutzer. Er entscheidet und ist Garant des Erfolgs, denn die Technologie kann sich nur dann durchsetzen, wenn sie von allen genutzt wird. Toomas Sepp, Gemeindesekretär und Verwalter der Stadtwerke Tallinn, bestätigt, wie „wichtig es war, dafür zu sorgen, dass alle Bürger informiert und bereit waren, das Angebot zu nutzen“. (1)

Tallinn und im Gefolge ganz Estland haben dafür die erforderlichen Infrastrukturen installiert, prioritär Schulen, dann die Verwaltung und die Haushalte ausgestattet. Ziel war es, bis 2015 allen Einwohnern in Stadt und Land einen 100-Mb/s-Anschluss zu bieten.
Darüber hinaus wurden für unterwegs an allen öffentlichen Standorten zahlreiche WLAN-Hotspots eingerichtet.

Informationsarbeit

Besonderes Augenmerk galt Maßnahmen, um sich die neue digitale Umgebung und die dazugehörigen Tools zu eigen zu machen. Diese Erziehungsarbeit begann zunächst in den Schulen, die rasch mit internetfähigen Endgeräten ausgestattet wurden. Die Schüler erhalten ab dem Alter von 7 Jahren IT-Unterricht, nicht mit dem Ziel, dass alle den Beruf des Programmierers ergreifen, sondern um sie mit Codes und Algorithmen vertraut und für das Digitalzeitalter fit zu machen.

Den hohen Beamten wurden Grundlagen in „Design Thinking“ vermittelt, um zusammen mit ihren Dienststellen Inhalte und Schnittstellen zu erstellen, die effektiv dem Bedarf und den Erwartungen der Nutzer entsprechen.

Gezieltes Training gab es auch für die Staatsspitze. Der Ministerrat in Tallinn ist weltweit der erste, der „paperless“ arbeitet. Den hohen Beamten der Hauptstadt wurden Grundlagen in „Design Thinking“ vermittelt, um zusammen mit ihren Dienststellen Inhalte und Schnittstellen zu erstellen, die effektiv dem Bedarf und den Erwartungen der Nutzer entsprechen.

Ergonomie wurde als wichtiger Hebel für die Akzeptanz von Seiten der Bevölkerung identifiziert. Der Einstieg in die Online-Welt für alle war der digitale Personalausweis, über den heute 98 Prozent der Einwohner verfügen. Zusammen mit dem dazugehörigen PIN-Code dient er zur Authentifizierung und Unterschriftsleistung für jede Art von Transaktion (Banken, Geschäfte, Verkehrsmittel) und Amtsleistung. Nur drei Vorgänge sind vom Anwendungsbereich der elektronischen Unterschrift ausgenommen: Heirat, Scheidung und Immobilienkredite.

Open Data

Bei Verkehrskontrollen in Tallinn braucht niemand mehr zum Führerschein zu greifen: Die digitale ID genügt. Damit erhält die Verkehrspolizei Zugang zu allen relevanten Dokumenten. Diesen flüssigen Datenaustausch gibt es auch im Gesundheitssektor – mit ein Beitrag für die rasche Akzeptanz durch die estnische Bevölkerung.

Ermöglicht wurde dieser Erfolg durch die enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor und eine resolut auf Open Data und Interoperabilität ausgerichtete Politik. 2001 hat die Regierung das Programm X-Road auf den Weg gebracht. Es zielt darauf ab, die Kommunikation zwischen den Datenbanken der Verwaltungen zu erleichtern. Ein neuer Eintrag, z. B. die Meldung einer Geburt, wird automatisch an alle Sozial-, Gesundheits- und sonstigen relevanten Dienste weitergeleitet. Fundament für die Datenbankvernetzung und den Austausch personenbezogener Daten ist die Vertrauensbasis, die dafür geschaffen wurde.

In der sich zum Digitalzeitalter bekennenden Smart City Tallinn sind Transparenz, Datenschutz und die strikte Achtung der Privatsphäre organisatorisch gewährleistet und gesetzlich verankert.

(1) https://smartcity.brussels/news-625-smart-tallinn

12/09/2019

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