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Die Leistungsbesessenheit der Wirtschaft führt angesichts unberechenbarer, weltweiter Krisen geradewegs in die Sackgasse – davon ist der Biologe Olivier Hamant überzeugt. Deshalb muss sie sich davon befreien und auf robustere Strukturen setzen.

Sie setzen sich für ein Gesellschaftsmodell ein, das nicht mehr auf Leistung, sondern auf Robustheit setzt. Nur so können die derzeitigen Umwelt- und Wirtschaftskrisen überstanden werden, sagen Sie. Was meinen Sie damit?

O.H. Die Wissenschaft ist sich einig: Die nächsten Jahrzehnte werden von erheblichen Turbulenzen geprägt sein. Bereits heute sind wir mittendrin: Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen ungekannten Ausmaßes, Ressourcenknappheit, geopolitische Krisen.

Angesichts dessen lautet die wichtigste Frage: „Wie kommen wir mit diesen extremen, schnellen Veränderungen zurecht?“ Lebende Organismen können sich besser als wir an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Warum? Weil sie auf Robustheit setzen, wo wir Menschen von Leistung und Optimierung besessen sind. Das macht uns anfällig für Krisen.

Wie genau definieren Sie die Begriffe „Leistung“ und „Robustheit“?

O.H. Leistung ist die Summe aus Effektivität und Effizienz. Effektivität bedeutet, die eigenen Ziele zu erreichen; Effizienz, dies mit möglichst geringen Mitteln zu bewerkstelligen. Leistung heißt also, sein Ziel mit möglichst wenig Mitteln zu erreichen. Wie? Indem man sich auf einen engen, extrem ausgetretenen Pfad begibt. Der Leistungsgedanke funktioniert solange, wie die Umgebung stabil und ressourcenreich ist und es immer neue Grenzen zu entdecken gibt. In unserer heutigen Welt jedoch führt er geradewegs in die Sackgasse.

Robustheit ist die Fähigkeit, trotz Schwankungen stabil zu bleiben. Wie? Indem man sich anpasst, Abkürzungen findet, einen Plan B hat, Dinge ausprobiert und in Frage stellt. Robustheit setzt auf Fragen, Leistung überwiegend auf Antworten.

Kann man die beiden Begriffe mit Bildern aus der Biologie erläutern?

O.H. Man könnte sagen, dass Leistung die Funktionsweise von Parasiten ist. Diese nisten sich bei einem Wirt ein, verbrauchen dessen Ressourcen, vernichten andere Organismen, und wenn alle Ressourcen des Wirts erschöpft sind, gehen sie gemeinsam mit ihm zugrunde. Schilf hingegen steht für Robustheit: Es wiegt sich im Wind, ohne zu brechen. Auch Mykorrhiza sind ein gutes Beispiel, eine Form der Symbiose von Pilzen und Pflanzenwurzeln. Es geht also um Kooperation und Regulierung.

Schließen sich Leistung und Robustheit gegenseitig aus?

O.H. Robuste Systeme schließen nicht aus, in Ausnahmefällen auf Leistung zu schalten. Nehmen wir unseren Körper als Beispiel. Bei 37°C Körpertemperatur hat er viel Spielraum, um auf unvorhergesehene Schwankungen zu reagieren. Wird er von einem Krankheitserreger befallen, reagiert er mit Fieber. Anders als man meinen könnte, läuft unser Immunsystem bei 40°C zur Höchstform auf. Aber eben nur, wenn das Fieber nicht zum Dauerzustand wird.

Reden wir über die Wirtschaft. Interessiert sie sich überhaupt für Forschungsergebnisse aus der Biologie oder Biophysik?

O.H. Das Fach Wirtschaftsbiologie gibt es jedenfalls nicht. Der einzige Bereich, wo die Biologie in der Wirtschaftswelt etwas Beachtung findet, ist das Biomimikry. Aber auch dort ist die Anwendung häufig auf Techniken zur Leistungssteigerung begrenzt.

„Robustheit setzt ein Gleichgewicht zwischen Stabilität und Lebensfähigkeit voraus.”

Dabei wäre es durchaus sinnvoll, Biologie und Wirtschaft zusammenzubringen. Unternehmen funktionieren schließlich auch wie organische Systeme. Sie erleben Schwankungen, erleiden Schocks und müssen sich anpassen, um am Leben zu bleiben.

Wie sieht es mit dem Konzept der Robustheit in Unternehmen aus?

O.H. Die Wirtschaft beginnt tatsächlich, sich Gedanken über die Grenzen unseres Planeten zu machen. Sie sucht nach einem konstruktiven Weg, um mit den immer schnelleren, immer stärkeren Turbulenzen umzugehen. Nach der Diagnose muss sie jetzt aber Entscheidungen treffen: Wie und wann soll die Umstellung erfolgen? Das sorgt für einiges Kopfzerbrechen. Schließlich darf der Paradigmenwechsel weder zu früh noch zu spät angestoßen werden. Die Aufgaben sind gigantisch: Die Umstellung auf Robustheit erfordert lokalere Produktionssysteme, anpassungsfähigere und reparierbare Produkte, kooperativere Lieferketten, flachere Hierarchien.

Wie geht die Wirtschaft damit um?

O.H. Ein Paradigmenwechsel ist nicht einfach. Die Energiewende sollte doch eigentlich ein Zeichen für die Umstellung auf ein robusteres Wirtschaften sein. Dennoch kommen noch sehr häufig leistungsorientierte Methoden zum Einsatz, mit einer ganzen Batterie an Kennzahlen, Zielen, KPIs. Goodharts Gesetz besagt, dass eine Kennzahl ihren Nutzen verliert, sobald sie als Ziel verwendet wird.  Außerdem gibt es das Sprichwort „Wer sein Ziel erreicht, hat alle anderen verfehlt.”

Häufig werden Unternehmen dadurch geschwächt, dass sie sich auf interne Stabilität, also auf Risikomanagement, konzentrieren. Aber ein nach innen robust aufgestelltes Unternehmen, dass sich nicht um seine Umweltauswirkungen kümmert, nicht mit seinem Ökosystem interagiert, nicht zur Lebensfähigkeit seines Einzugsbereichs beiträgt, macht sich anfällig für Schwankungen außerhalb der Norm. Robustheit setzt ein Gleichgewicht zwischen Stabilität und Lebensfähigkeit voraus.

Sind bestimmte Branchen weiter als andere?

O.H. Die Baubranche wurde aufgrund der Ressourcenknappheit bei Gestein, Stahl, Ziegeln usw. sowie durch gesetzliche Vorgaben für die Nutzung natürlicher Ressourcen (Quoten für biobasierte und/oder recycelte Baustoffe, Sanierung statt Neubau usw.) zur Robustheit erzogen. Dieser Sektor setzte deshalb wahrscheinlich vor allen anderen auf Kooperationen und stellte seine Geschäftsmodelle in Frage.

Im Gegensatz dazu leidet die Autoindustrie unter einer kontraproduktiven Gesetzgebung. Die erzwungene Umstellung auf Elektroantrieb ist eine Häresie, wenn sie zur Serienproduktion großer, schwerer Elektroautos für den Individualverkehr führt.

Welche Rolle spielt Innovation bei der Umstellung von Modellen, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben?

O.H. Um zu verstehen, wie sich Systeme verändern – sogar und vor allem gut etablierte Systeme! – muss man sich mit kleinen Details an der Peripherie beschäftigen. Experimente, Initiativen – kurz gesagt, Innovationen. Auch hier möchte ich ein Bild aus der Biologie bemühen: Starenschwärme, die sich wie von Zauberhand mal links-, mal rechtsherum bewegen. Wer entscheidet, wohin es gehen soll? Es sind die Vögel am Rande des Schwarms, denn sie sind anfällig für äußere Schwankungen. Vögel in der Mitte des Schwarms sehen nur die Vögel um sich herum. Sie sind vollkommen blind gegenüber ihrer Umgebung und gegenüber Veränderungen. Gleiches gilt für unsere Gesellschaft und die Wirtschaft: Änderungen, Umstellungen kommen aus der Peripherie.


Fürsprecher der Robustheit

Studio Concorde – Vivre Ensemble – -©YannArthusBertrand

Olivier Hamant ist Biologe und Biophysiker. Als Forschungsleiter am INRAE im Labor für Pflanzenreproduktion und -entwicklung (RDP) der Ecole Normale supérieure in Lyon ist er auch Direktor des Instituts Michel Serres, einem interdisziplinären Think Tank im Bereich Ressourcennutzung und Gemeingüter. 2023 veröffentlichte er Antidote au culte de la performance, La robustesse du vivant (Galimard) und 2025 L‘entreprise robuste, Pour une alternative à la performance (Odile Jacob).

15/10/2026