Guillaume Garric, Leiter der Marke Omexom, analysiert die großen Herausforderungen des weltweiten Energiemarkts.

Der im November 2018 von Capgemini herausgegebene 20. Bericht der Beobachtungsstelle für den Weltenergiemarkt (World Energy Markets Observatory) trifft vier Feststellungen: chinesische Unternehmen werden zu maßgeblichen Anbietern im europäischen Energiesektor; das Wirtschaftswachstum stellt die Klimaziele in Frage; im Hinblick auf die Einspeisung erneuerbarer Energien wird die „grüne“ Stromerzeugung häufig durch Netzstabilitätserfordernisse begrenzt; Stromversorger müssen ihre Modernisierung mithilfe neuer Technologien vorantreiben. Guillaume Garric, Leiter der Marke Omexom (VINCI Energies), analysiert und erläutert die in dieser Studie aufgezeigten Herausforderungen.

Einer der Haupttrends, den der Capgemini-Bericht aufzeigt, ist das sich bestätigende Gewicht Chinas im Energiesektor. Wie können sich die europäischen Versorger strategisch darauf einstellen?

China ist ein bedeutender Marktteilnehmer, sowohl Investor als auch Entwickler von Technologien, speziell für Photovoltaik. Der vor Kurzem versuchte Einstieg in das Kapital des deutschen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz wurde vor dem Hintergrund der sensiblen Frage der Konsolidierung des Stromversorgungssektors und des Schutzes strategischer Assets von Deutschland abgewehrt. Chinas Ingenieure verstehen sich auf Ultrahochspannungstechnik mit 1-Million-Volt-Leitungen, mit denen sie Strom von Laos nach China übertragen und in Zukunft vielleicht über Stromautobahnen auch nach Europa liefern könnten. Als internationaler Integrationsanbieter sieht Omexom in dieser Entwicklung die Bestätigung eines noch starken Wachstumspotenzials im Energiesektor. Ein Fakt, der uns veranlasst, uns zu wappnen, um uns auf allen Kontinenten weiterhin zu behaupten.

Der WEMO-Bericht unterstreicht den Negativeffekt des Wachstums 2017 auf die Klimaziele. Welche Wege sind in puncto Energiebedarf denkbar, um Wachstum und Klima auf einen Nenner zu bringen?

Nach Ansicht von Omexom dürfen Wachstum und Klimaziele nicht als Gegensätze hingestellt werden: grünes „smartes“ Wachstum ist Wachstum. Sich die entsprechenden Mittel an die Hand zu geben, um die in den COP-Klimakonferenzen festgelegten Ziele zu erreichen, bewirkt Wachstum – umweltverträgliches Wachstum dank sauberer Energie (Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft), Smart Grids und Energieeffizienzprojekten. Wir wenden uns unsererseits entschlossen den Baustellen von morgen zu: Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Smart Grids und Smart Cities. Wir sind Akteure der Energiewende. Viele haben bei der Stadt der Zukunft nur Big Data vor Augen, aber die eigentliche Frage ist die Energieleistung bzw. die effiziente Nutzung von Ressourcen im weitesten Sinne des Wortes.

Machen die niedrigeren Windkraft- und Batteriepreise die Mehrkosten für das durch die intermittierende Einspeisung bedingte Netzmanagement wett?

Die Lösung ist in einem immer feinmaschigeren Netzmanagement zu suchen. Über die dank Smart Grid und Daten mögliche Netzsteuerung kann letztlich in Echtzeit die Abstimmung zwischen Verbrauch und Erzeugung von Energie erfolgen. Abgesehen von Speicherlösungen ermöglichen es Smart Grid und Flexibilität, auch einen intermittierenden Betrieb mit einzubinden. Das VINCI Energies-Unternehmen Smart Grid Energy ist auf Lastmanagement spezialisiert, d.h. das Abschalten eines Werks an einer Stelle und den Anlauf eines Kraftwerks an einer anderen, um für ein stabiles Netz zu sorgen. Ermöglicht wurde diese Feinsteuerung durch die Verfügbarkeit von Daten und Prognosen mit Echtzeitanzeige des Netzzustands. Der Handlungsspielraum erstreckt sich vom Lastmanagement über lokale Stromerzeugung, lokale Stromspeicherung bis hin zu den Möglichkeiten des europäischen Verbundnetzes.

Welche Rolle spielen die Gebietskörperschaften für die Energiewende?

Als Akteure mit maßgeblichem Einfluss in ihrem Gebiet brauchen Kommunen und Regionen eine politische Vision in Sachen Energiewende, was auch immer häufiger der Fall ist. Dabei geht es nicht nur um Energieeffizienz und Energieerzeugung, sondern um einen territorialen Gesamtansatz mit einem stärkeren Gebietsbezug und Fokus auf verschiedene Nutzungsarten – E-Mobility, öffentlicher Verkehr, die Stadt als solche – mit Einbindung der Nutzer. In diesem Sinne begleiten wir Städte wie Rillieux-la-Pape bei Lyon und Marmagne im Departement Cher, um den Bewohnern umweltfreundlichere und günstigere Lösungen anzubieten.

Der Capgemini-Bericht verweist auch auf die Notwendigkeit für Energieversorger, ihre digitale Transformation rascher voranzutreiben. Welches sind die diesbezüglichen Prioritäten?

Es gibt da zwei Themen: die Energiewende als Ziel und der digitale Wandel als leistungsstarkes Tool, um die Energiewende zu vollziehen. Daten sind hier die Basis prädiktiver Analysen für ein aktives Bestandsmanagement. Das geht in Richtung Sensoren, IoT und Open Data. Davon sind wir überzeugt, denn durch Datenaustausch kann zusätzlicher Wert geschaffen werden. Das ist jedoch nicht alles. Cybersecurity ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Diese digitalen Tools, durch die die Energiewende bewerkstelligt wird, müssen – wie die Daten selbst – geschützt werden. In dieser Perspektive bieten wir unseren Kunden eine Vision in drei Stufen: ein Energiewendeziel, die digitalen Tools, um es zu erreichen, und die Lösungen zum Schutz der Datennetze. Die Schlagkraft von VINCI Energies besteht darin, diese drei Fachbereiche in ein und derselben Gruppe zu bündeln.