Alexis Martel, 38, verantwortet seit Mai 2026 den Einkauf bei Omexon Nîmes. Zuvor leitete er bei Omexom OHL International den Bau einer strategisch wichtigen Hochspannungsleitung in Nordfinnland. Diese anspruchsvollen Erfahrungen, die technisches Know-how, aber auch ein Händchen für Personalführung erfordern, sind bezeichnend für einen eher ungewöhnlichen und von vielen Wendungen, Infragestellungen und mutigen Entscheidungen geprägten beruflichen Werdegang.
Von August 2024 bis Mai 2026 war Alexis Martel, 38 Jahre, als Hauptprojektleiter bei Omexom OHL International, für den Bau der neuen Hochspannungsleitung Järvilinja 1 zuständig. Eine Großbaustelle in Nordfinnland im Auftrag von Fingrid, dem finnischen Stromnetzbetreiber.
Das strategisch wichtige Projekt in Finnland ist das erste seiner Art für Omexom OHL International in Zusammenarbeit mit Omexom Finnland und Teil der Nordic Grid Development Perspective (NGDP) zur Modernisierung und Verstärkung des nordischen Stromnetzes.
Vor Ort werden 216 Masten und 66 km Freileitungen mit zwei Stromkreisen (400 kV und 110 kV) errichtet. Gleichzeitig sind 51 km Bestandsleitung und 223 Masten zu demontieren.
Die Baustelle befindet sich in einem abgelegenen Sumpfgebiet bei Vuolijoki. Die Bauteams müssen dort mit gefrorenem Boden und extremen klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Allerdings ist das Arbeiten auf gefrorenem Boden nicht nur einfacher, sondern häufig sogar zwingend notwendig, damit Baumaschinen überhaupt bis zur Baustelle gebracht und dort eingesetzt werden können.
Hinzu kommt die Beherrschung der spezifischen Statik von selbsttragenden Gittermasten oder abgespannten Rohrmasten.
Richtige Personalführung
„Bei diesem Projekt steht die Technik nicht so sehr im Vordergrund wie der menschliche Aspekt“, unterstreicht Martel, der tagtäglich 40 bis 60 eigene Mitarbeitende sowie Beschäftigte von Nachunternehmern aus elf unterschiedlichen Ländern koordinieren musste, die je nach Projektphase eingesetzt werden. „Auf derartigen Baustellen passiert ständig Unvorhergesehenes, Ungeplantes. Da sind die Leute eben manchmal müde und schlecht gelaunt. Zudem arbeiten sie weit weg von zuhause. Deshalb brauchen sie Unterstützung, Flexibilität und ein offenes Ohr, aber manchmal muss man sich auch durchsetzen. Alle Entscheidungen sollten gut abgewogen werden. Frei nach dem afrikanischen Sprichwort ‚Allein geht man schneller, aber zusammen geht man weiter‘.”
Seine Botschaft? „Wenn meine Laufbahn Jüngere wie Ältere, die nicht mehr an Veränderung glauben, zum Umdenken bringt, dann habe ich schon etwas Wesentliches erreicht: Ich habe bewiesen, dass jederzeit neue Wege möglich sind.”
Diese Arbeit als Koordinator und Manager vor Ort war für ihn sehr erfüllend. „Ich mag diesen Job, weil er so vielfältig ist. Neben der Bauausführung, bei der viel Management gefragt ist, ist man für Akquise, technische Projektbewertung, Personalwesen und Verwaltung, aber auch für die Kontakte mit Lieferant:innen und Subunternehmer:innen, die Festlegung des Standorts für das Baustellencamp und die Logistik zuständig.”
Ungewöhnlicher Karriereweg
Das Projekt Järvilinja 1 in Finnland ist also recht ungewöhnlich – genauso wie der Werdegang von Martel. Als Schüler erreicht er zwar Bestnoten, aber Schule ist nicht wirklich sein Ding. Sein Vater montiert Hochspannungsleitungen in aller Herren Länder, die Familie ist ständig auf Achse. Martel findet Gefallen am Nomadenleben.
Mit 18 Jahren heuert er beim Club Med als Reiseleiter an. Als einer der jüngsten Mitarbeiter, die in diesem Jahr eingestellt werden, erfüllt er sich seinen Traum: „reisen und dafür auch noch bezahlt werden“. Er verbringt drei wunderbare Jahre in Sankt Moritz, auf den Antillen, Korsika und in Südfrankreich und besucht natürlich von Zeit zu Zeit seine Eltern, die noch immer ständig unterwegs sind. Dadurch bleibt er mit dem Leitungsbau in Kontakt – zumal er Freileitungsmonteur:innen seit jeher bewundert: „Das sind für mich wahre Held:innen“, gesteht er. Schließlich fängt er bei der VINCI Energies-Tochter EEE an, zunächst als Leiharbeitnehmer. 2012 wird er aufgrund seiner Englischkenntnisse fest angestellt und auf eine Baustelle in England geschickt. „So begann ich offiziell meine Berufslaufbahn als Hilfsmonteur und Sicherheitsbeauftragter auf der Baustelle.”
Mit 31 zurück auf die Schulbank
Zwei Jahre später ist das Projekt in Großbritannien zu Ende. Alexis Martel wird einmal mehr vom Fernweh gepackt und reist mit seiner Lebensgefährtin 15 Monate lang um die Welt. Wieder zurück in Frankreich probiert er viele Jobs aus und arbeitet unter anderem bei einer Autovermietung in Dijon. Dort interessiert er sich zunehmend für Vertriebsthemen.
Obwohl ihm an Schule früher nicht viel lag, beschließt er, noch einmal die Schulbank zu drücken. „Mit 31 Jahren absolvierte ich ein zweijähriges Studium zum Außenhandelskaufmann in englischer Sprache, machte dann einen Bachelor in Business Development und schließlich einen Master zum Vertriebsingenieur, als Jahrgangsbester.“ Das Masterstudium absolviert er berufsbegleitend bei EEE und Omexom OHL International, wo er seit 2023 arbeitet. „Ein Jahr später bot mir die Firma den Posten als Hauptprojektleiter für die Baustelle in Finnland an, über die ich meine Masterarbeit geschrieben habe.”
Eigenständigkeit, Vertrauen, Wohlwollen
Was Alexis Martel bei seiner Tätigkeit für dieses 18-Millionen-Euro-Projekt besonders zu schätzen wusste, war, „die von VINCI Energies gewährte Freiheit in meinen Entscheidungen vor Ort, das mir entgegengebrachte Vertrauen und das Wohlwollen für meine Bitte um Rückversetzung nach Frankreich – meine Tochter ist jetzt zweieinhalb und soll dort in den Kindergarten gehen“.
Seit Mai 2026 ist Martel nun als Einkaufsleiter in Nîmes (Südfrankreich) tätig. „Ich finde es toll, dass die Firma meiner Bitte sofort entsprochen und mir eine Stelle angeboten hat, die meinen Erwartungen entspricht.“ In seiner neuen Funktion möchte er in aller Bescheidenheit seine Erfahrungen an Jüngere wie Ältere weitergeben und sie davon überzeugen, eine Ausbildung zu machen, neue Wege zu gehen und sich neu zu erfinden.
08/07/2026