Die Zunahme von Klimaextremen macht die Anpassung eingespielter Risikotransfermodelle notwendig. Versicherungen wie auch deren gewerbliche Kund:innen müssen besser vorausplanen, objektivieren und Vorsorge treffen. Das funktioniert am besten gemeinsam, wie Blaise Bourgeois, Chief Insurance Officer bei Generali France, und Louis Meunier, Leiter Versicherungswesen bei VINCI Energies, erläutern.
Laut dem neuesten Global Risks Report des World Economic Forum von Januar 2026 gehen Firmenleitungen davon aus, dass die drei schwerwiegendsten Risiken im kommenden Jahrzehnt klimatischer Natur sind. Sehen Sie das genauso?
Blaise Bourgeois. Im Juli 2026 veröffentlichte die Generali ihren Emerging Risks Report. Cybersicherheit hat weiter einen wichtigen Stellenwert, während sich die geopolitische Instabilität als wesentliches Thema durchsetzt. Das Klimarisiko wurde noch vor wenigen Jahren als „Emerging Risk“ gesehen, ist aber zwischenzeitlich deutlich stärker in den Vordergrund gerückt.
Im dritten Jahr in Folge nennen die Risikofachleute den Klimawandel als eines der Hauptprobleme. Unser Generali Climate Lab, mit dem wir der zukünftigen Entwicklung von Klimarisiken vorgreifen wollen, hat dieses Jahr drei Trends benannt: Eine signifikante Risikoexposition in Frankreich; wiederkehrende Wetterphänomene nie dagewesenen Ausmaßes; ein immer schneller ablaufender Klimawandel mit großen finanziellen Auswirkungen, sofern nicht gegengesteuert wird.
Louis Meunier. Das Klimarisiko ist zweifellos eine enorme Herausforderung, weil es langfristig unsere Regionen, Lieferketten, Infrastrukturen und sogar unsere Arbeitsbedingungen verändern wird.
Die Untersuchung des World Economic Forum behandelt die Frage des Verhältnisses zwischen langfristigen Risiken, vor allem dem Klimawandel, und kurzfristigen Risiken wie geoökonomischen Konflikten, aber auch Falsch- und Desinformation sowie der Polarisierung der Gesellschaft. Mit anderen Worten besteht die Schwierigkeit nicht nur darin, die größten Risiken zu erkennen, sondern auch deren Wechselwirkungen. Die Summe ihrer unmittelbaren wie langfristigen Auswirkungen ist am schwierigsten vorherzusagen und zu managen.
Welche zusätzlichen Tools müssen Sachversicherungen angesichts wachsender Risiken einsetzen?
L.M. Sachversicherungen sind mittlerweile das wichtigste Versicherungsprodukt, mit dem ein Transfer von Klimarisiken erfolgen kann. Aber das Ziel von VINCI Energies ist die Schaffung eines resilienten Modells, noch bevor es um Fragen der Risikoübertragung geht.
„Bei VINCI Energies beruht die Resilienz auf Risikomanagementtools, die von allen Mitarbeitenden gemeinsam genutzt werden. “ Louis Meunier
Hier sind wir bereits gut vorangekommen. Bei VINCI Energies beruht die Resilienz auf Risikomanagementtools, die von allen Mitarbeitenden gemeinsam genutzt werden. Zunächst auf operativer Ebene, weil dort die Risiken zutage treten – möglichst nah vor Ort, in unserer alltäglichen Arbeit und der unserer Kund:innen. Und auf organisatorischer Ebene, in allen Funktionen, die sich ebenfalls mit dem Thema Risikomanagement beschäftigen müssen: Selbstverständlich die Versicherungsabteilungen, aber auch Finance, Recht, Personalwesen, Kommunikation usw.
Wird Vorsorge also zum wesentlichen Baustein des Risikomanagements?
B.B. Sie wird zu einem neuen Glied in unserer Wertschöpfungskette. Das spiegelt sich in unserem proaktiven Ansatz wider, den wir bei der möglichst feingliedrigen Analyse und Durchdringung der Risiken an den Tag gelegt haben – unter anderem durch unser Generali Climate Lab, das 2015 mit Versicherungsmathematiker:innen, Klimaforschenden und Data Scientists ins Leben gerufen wurde, um unser Verständnis von Klimarisiken zu perfektionieren, unsere Erkenntnisse in diesem Bereich möglichst breit zu publizieren und geeignete Präventionslösungen umzusetzen.
L.M. Vorsorge speist sich aus Zukunftsvorhersagen. Der VINCI-Konzern stützt sich auf seine Innovationsplattform LEONARD, um die Anpassung an den Klimawandel voranzutreiben. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe mit 27 VINCI-Mitarbeitenden aus verschiedenen Unternehmenseinheiten gegründet, darunter auch einige Führungskräfte aus den Versicherungsabteilungen.
So konnte der Konzern neue Erkenntnisse zu den spezifischen Herausforderungen in den verschiedenen Geschäftsbereichen gewinnen. Das führte zu konkreten Maßnahmen, etwa die Teilnahme an der Unternehmensbefragung im Rahmen des dritten Programms der französischen Regierung zur Anpassung an den Klimawandel (PNACC) oder die Veröffentlichung des Memos „Adapting to climate change: united in facing the challenge of the century“.
Sensibilisieren, informieren, verbreiten – reicht das aus?
B.B. Die Herausforderung besteht jetzt darin, einen effizienten Übergang von der Information und Sensibilisierung zur Vulnerabilitätsdiagnose und dann zur Umsetzung von Präventionsmaßnahmen hinzubekommen. Dazu verfügen wir über zwei Instrumente. Das erste, „Ensemble Face aux Risques“, ermöglicht es Privatpersonen, eine kostenlose Bewertung der Anfälligkeit ihrer Wohnung für Risiken in den Bereichen Klimawandel, Technologie und Kriminalität zu erhalten und sich dagegen abzusichern. Das zweite, „Geoya“, ist eine im Januar 2026 gestartete kostenpflichtige Plattform, die detaillierte Diagnosen und Sanierungspläne für Privatpersonen, Unternehmen und Gebietskörperschaften anbietet.
Dieses einzigartige, äußerst innovative Modell ist ein gemeinsames Projekt von drei Versicherungen (Generali France, MAIF und Société Générale Assurances) und zwei Fachfirmen für Risikomanagement, Saretec und Sixense, eine Tochter der Soletanche Freyssinet (VINCI Construction).
Auf Geoya werden die Gründe des Klimarisikos angegangen und konkrete Maßnahmen vorgeschlagen. Manche sind ganz simpel, andere erfordern eine Finanzierung, aber alle erhöhen die Resilienz eines Gebäudes, einer Wohnung, einer Produktionsanlage oder einer Infrastruktur. Häufigkeit und Heftigkeit der Ereignisse können wir nicht beeinflussen, aber wir können zu konkretem Handeln anregen, indem wir zeigen, dass Investitionen in Resilienz letztlich billiger sind als Nichtstun.
Wie kann eine Gruppe wie VINCI Energies konkret auf die Ursachen reagieren?
L.M. Indem wir unsere Risikoexposition besser kennen und beherrschen, durch ein Risk Mapping, den Stresstest unserer Kundenprojekte, die Analyse der möglichen Auswirkungen bereits in der Planungsphase, die Dokumentation der bereits ergriffenen oder noch zu ergreifenden Maßnahmen usw.
„Auf Geoya werden die Gründe des Klimarisikos angegangen und konkrete Maßnahmen vorgeschlagen. “ Blaise Bourgeois
Ein weiterer Handlungsschwerpunkt besteht in der Berücksichtigung der Anpassung an den Klimawandel bei den technischen Festlegungen durch unsere Kund:innen. Das erfordert entsprechende Abwägungen bereits bei der Standortwahl und in der Planungsphase – insbesondere bei der Auswahl der Baustoffe oder der Prozesse zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs. Sich mit den Ursachen zu befassen heißt zu investieren, ohne zu wissen, welche Risiken tatsächlich eintreten. Das Ganze hat also mit der Unternehmensstrategie zu tun. Es geht um mehr Vorausplanung.
Wie arbeiten zwei Wirtschaftsakteure wie Generali und VINCI Energies beim Management des Klimarisikos zusammen?
L.M. Generali ist seit 2018 der Sachversicherer von VINCI Energies. Wir befinden und somit in einer langfristigen, vertrauensvollen Partnerschaft, die Jahr für Jahr fortgeschrieben wird. Trotz eines ungünstigen Umfelds – die Weltwirtschaft steht unter starkem Druck und die Spannungen auf dem Sachversicherungsmarkt haben zwischen 2018 und 2024 enorm zugenommen – hat sich die Beziehung unserer beiden Häuser gefestigt. Die Langlebigkeit dieser Partnerschaft beruht auf regelmäßigem Dialog und gegenseitigem Vertrauen.
B.B. Wir haben dieselbe Risikokultur wie VINCI Energies, denselben Innovationsgeist und dieselbe Zielsetzung: Antizipieren statt reparieren.
Viele in der Versicherungswelt waren überrascht, dass sich unsere Unternehmen so eng zusammentaten, um diesen Ansatz zu verfolgen. Ich hoffe aufrichtig, dass weitere Versicherungsfirmen sich uns anschließen. Je mehr wir sind, desto offensichtlicher werden die Vorteile und umso mehr profitieren alle davon.
Wie können große Datenmengen und KI bei der Risikomodellierung eingesetzt werden?
B.B. Zuverlässigkeit, Tiefe und Detailgenauigkeit der verwendeten Datensätze gewährleisten eine möglichst genaue Risikomodellierung. Aber es reicht nicht aus, mit historischen externen Datenreihen zu arbeiten. Wir müssen zu weniger statischen, dynamischeren, stärker in die Zukunft blickenden Bewertungen kommen und von innen heraus die Ereigniskombinatorik analysieren (Gewitter- und Hagelschäden, unmittelbare und längerfristige Auswirkungen von Dürren, etwa die Schrumpfung und Quellung tonhaltiger Böden), um Anzeichen plötzlicher Umbrüche oder auch langfristige Trends zu erkennen.
Dank KI können die von uns verwendeten Daten gebündelt betrachtet werden. So werden auch schwächste Signale erkannt, die bei „herkömmlichen“ statistischen Analysen durch das Raster fallen.
Angesichts der Verschärfung von Schadenereignissen haben private Haushalte wie auch Gebietskörperschaften zunehmend Mühe, sich zu versichern – oder verzichten gleich ganz darauf. Wie sieht das bei den Unternehmen aus?
L.M. Die um die Jahrtausendwende aufgetretenen Risiken (Terrorismus, Cyberrisiko, Umweltrisiko) zwangen Unternehmen dazu, ihre Risikoexposition zu managen und Vorsorgemechanismen zu implementieren. Deshalb haben sie heute einen deutlichen Vorsprung gegenüber Privatkund:innen und Gebietskörperschaften.
Langfristig könnten bestimmte Risiken jedoch gar nicht mehr versicherbar sein – nämlich dann, wenn ein Risiko derart systemisch wird, dass das Geschäftsmodell der Versicherung nicht mehr trägt.
B.B. Der im Juni 2026 erschienene erste Bericht der Beobachtungsstelle für Versicherbarkeit, der im Auftrag der französischen Regierung vom öffentlichen Rückversicherer CCR erstellt wurde, zeigt, dass Nichtversicherbarkeit derzeit noch ein äußerst marginales Phänomen ist. Wer sich in Frankreich versichern möchte, findet auch eine Versicherung.
L.M. Wenn man zukünftig den Unternehmen die Möglichkeit zum Risikotransfer versperren würde, hätte das beträchtliche wirtschaftliche Konsequenzen. Deshalb ist es Aufgabe der Wirtschaft, nicht nur für einen Wettbewerb zwischen Versicherungsunternehmen zu sorgen, sondern ihnen auch bei der Stärkung ihres Geschäftsmodells zur Seite zu stehen, damit sie langfristig effizient arbeiten können.
In einem Bereich, wo man noch immer versucht, mehr Objektivität in die Analysen zu bringen, scheint es mir jedoch grundlegend, dass alle ihre jeweilige Rolle spielen und von den Versicherungen nichts Unmögliches verlangen. Ein objektiver, vertrauensvoller, transparenter und langfristig angelegter Dialog sorgt dafür, dass beide Seiten den ihnen gebührenden Platz einnehmen und ihre Rolle voll ausfüllen können.
10/11/2026

