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Seit zehn Jahren nutzt der weltweit führende Flugzeugbauer Daten als strategischen Stellhebel zur Optimierung seiner Produktion, zur Stärkung seiner industriellen Resilienz und zur Vorbereitung der Umstellung auf eine souveräne Cloud.

©Ardan Fuessmann

Trotz der Probleme mit dem Triebwerksbauer Pratt & Whitney konnte Airbus 2025 Rekordgewinne melden. Zwar musste der europäische Flugzeugbauer, weltweit die Nummer eins vor dem US-amerikanischen Boing-Konzern, seine Ziele für die Erhöhung des Produktionstakts der A320-Familie nach unten korrigieren, aber seine Fähigkeit, derartige Probleme abzufedern, zeugt vom Erfolg der seit knapp zehn Jahren laufenden Transformation, die vor allem datengetrieben ist.

„Ohne digitale Tools könnte Airbus angesichts der derzeitigen Lage nicht in dieser Größenordnung wachsen“, fasst Jonas Murby, Partner bei Aerodynamic Advisory zusammen, eine im US-Bundesstaat Michigan ansässige Beratungsfirma für die Flugzeugindustrie. In den Augen des Beraters ist die digitale Transformation nicht nur ein Optimierungsfaktor, sondern sorgt angesichts einer besonders komplexen weltweiten Supply Chain für mehr Resilienz.

Von der A350-Krise zu Skywise

Die Geschichte beginnt 2015. Die Fertigung der Baureihe A350 macht Probleme und Airbus wendet sich an die auf die Auswertung großer Datenmengen spezialisierte amerikanische Firma Palantir, um ihre Geschäftsdaten deutlich effizienter zu nutzen. „Airbus hat im Jahr 2015 damit begonnen, Daten als strategisches Asset zu begreifen, nämlich als der Konzern die Produktionsprobleme mit dem A350 lösen konnte“, erinnert sich Murby.

Diese erste Etappe geht schnell in ein deutlich ambitionierteres Programm über: Digital Design, Manufacturing & Services (DDMS). Dessen Ziel ist es, eine gemeinsame digitale Umgebung aufzubauen, in der Planungs-, Fertigungs- und Instandhaltungsdaten für alle Bereiche und Partner:innen des Konzerns zugänglich sind.

„Skywise ist eine gemeinsame Plattform, zu der die Luftfahrtgesellschaften selbst Daten beisteuern, anstatt lediglich vorhandene Daten zu analysieren.”
Jonas Murby, Partner bei Aerodynamic Advisory

2017 tritt Airbus mit der Einführung von Skywise, einer von Palantir entwickelten kollaborativen Datenmanagementplattform, in eine neue Phase ein. Heute verzeichnet diese digitale Umgebung mehr als 50.000 Anwender:innen und deckt den gesamten Lebenszyklus von Flugzeugen ab: Planung, Fertigung, vorausschauende Instandhaltung, Flugbetrieb sowie Optimierung des Treibstoffverbrauchs.

„Hauptziel war es, die Daten in einem „Data Lake“* nutzbar zu machen und die Organisation dadurch zu öffnen“, so Murby. Der Hauptunterschied zu Boeing liegt in seinen Augen in der offenen Plattform: „Skywise ist eine gemeinsame Plattform, zu der die Luftfahrtgesellschaften selbst Daten beisteuern, anstatt lediglich vorhandene Daten zu analysieren.”

Daten als Performance-Treiber

Diese Strategie führt mittlerweile zu sehr konkreten Ergebnissen. Laut Murby sanken die Lieferfristen für den A350 um 33 %. Auch andere Kennzahlen zeigen die operative Wirkung dieses Ansatzes: 20 % weniger Nacharbeiten in der Fertigung, 80 % Zeitersparnis bei der Montage der Kabelbäume, über 90 % Automatisierungsgrad im Einkauf. Dank vorausschauender Instandhaltung konnten zudem hunderte Störungen im Flugbetrieb vermieden werden.

Diese Zugewinne beruhen auf einer Querschnittsauswertung der Daten. Airbus nutzt die Echtzeitanalyse zur Steuerung sowohl der Montagelinien als auch der Logistik, seines Zulieferernetzes sowie der Instandhaltungsmaßnahmen der Fluglinien.

Laut Nicolas Sekkaki, Senior Vice President Global Cloud Practice beim IT-Infrastrukturdienstleister Kyndryl und ehemaliger Vorstandsvorsitzender von IBM Frankreich, geht diese Entwicklung weit über technische Aspekte hinaus. „Die Frage der Datenhoheit ist heute von wesentlicher Bedeutung, insbesondere angesichts des KI-Booms. Zum Training der künstlichen Intelligenz sind nämlich große Mengen an hochwertigen Daten erforderlich.”

Der Wert der Daten liegt jedoch nicht nur in deren Erfassung. „Der aus den Daten bezogene Mehrwert muss in ein Ökosystem eingespeist werden, zu dem sämtliche Partner:innen einen Beitrag leisten und aus dem sie einen Nutzen ziehen. „Genau diese Logik verfolgt Skywise“, unterstreicht er. Seiner Meinung nach erfordert dieser Ansatz auch gemeinsame Governance- und Ethikregeln aller Beteiligten für die Datennutzung mittels fortschrittlicher Analysemethoden oder KI.

Tool zur Risikosteuerung

Neben Produktivitätssteigerungen ist die massive Datennutzung zu einem Instrument der Risikosteuerung geworden. In einer Branche mit mehreren tausend Zulieferfirmen, die Woche für Woche Millionen Bauteile an unterschiedliche Montagelinien rund um den Globus liefern, darf der Überblick nicht verloren gehen.

„Dank Skywise hat Airbus eine umfassendere, tiefgreifendere Abdeckung seiner Supply Chain erreicht und bekommt einen besseren Überblick über die Lieferant:innen, deren Lage und Kapazitäten. Daraus kann der Konzern dann die notwendigen Maßnahmen ableiten“, beobachtet Jonas Murby. Allerdings, warnt er, „ist auch das kein Allheilmittel“ – gibt es doch nach wie vor Schwierigkeiten mit einigen Zulieferern, insbesondere Pratt & Whitney.

Der Experte geht jedoch davon aus, dass die datengestützten Steuerungstools die Auswirkungen der sukzessiven Krisen erheblich begrenzt haben. „Ohne diese Instrumente und mit den althergebrachten Methoden wäre es angesichts von mehreren tausend Zulieferfirmen und Millionen Komponenten pro Woche viel schwieriger geworden, die Produktion nach Corona wieder hochzufahren.”

Die Fähigkeit zur Vorausschau ist Teil einer umfassenderen Industriestrategie. Gleichzeitig verfolgt Airbus nämlich sein DDMS-Programm weiter, mit dem sämtliche digitalen Planungs-, Fertigungs- und Serviceplattformen miteinander verbunden werden sollen. Dies ermöglicht einen reibungslosen Datenaustausch zwischen den Geschäftsbereichen und ihren Industriepartner:innen. Der Flugzeugbauer befasst sich auch mit KI, fortschrittlicher Analytik, Quantentechnologien und Konnektivität zur Verbesserung des gesamten industriellen Fertigungszyklus.

Herausforderung digitale Souveränität

Airbus hat bei seiner Strategie also auf Skywise und Palantir gesetzt. Seit Anfang 2026 jedoch widmet sich der europäische Konzern einer neuen Aufgabe: der digitalen Souveränität. Er startete eine Ausschreibung, um seine kritischsten Anwendungen (ERP, MES, Produktzyklusmanagement und CRM) auf eine so genannte „souveräne“, europäische Cloud zu migrieren. Der Auftrag wird auf ein Volumen von über 50 Mio. Euro geschätzt, die Laufzeit beträgt bis zu zehn Jahre. Er zeigt, dass sich die Prioritäten des Flugzeugbauers verschoben haben.

Laut Nicolas Sekkaki spiegelt diese Entwicklung ein Problem wider, das weit über Airbus hinausgeht. „Derzeit kommen knapp 80 % dieser Technologien aus den USA. Unter diesen Bedingungen bleibt die digitale Souveränität ein relativer Begriff“, stellt er fest. Er glaubt, dass die eigentliche Frage nicht im Stammland des anbietenden Unternehmens liegt, sondern in der Kontrolle der Infrastruktur. „Nach wie vor geht es darum, welchen Kontrollmechanismen die Infrastruktur und die Daten unterliegen und welche Möglichkeit die Unternehmen haben, sich ihre Partner selbst auszusuchen – dabei kommt es auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Anwendungen an.”

„Nach wie vor geht es um die Kontrolle der Infrastruktur und um die Frage, ob sich Unternehmen ihre Partner je nach ihren spezifischen Bedürfnissen und Anwendungen selbst aussuchen können.”
Nicolas Sekkaki, Senior Vice President Global Cloud Practice bei Kyndryl

Das bringt die Industrie dazu, ihre Auswahlkriterien zu überdenken. „Die zentrale Frage ist simpel: Wer kontrolliert was und wie?“, fasst Sekkaki zusammen. Er plädiert für einen „Business & Digital Resiliency“-Ansatz, bei dem geschäftsrelevante Schwachstellen identifiziert und Rückfallebenen festgelegt werden. „Reversibilität wird zu einer zentralen Anforderung: Beim Ausfall eines Beteiligten muss das Unternehmen über eine alternative Lösung verfügen.”

Diese Logik gilt auch für KI-Projekte. „Heutzutage können Modelle in der Cloud mit synthetischen Daten trainiert und dann „On Premise“** und mit echten Daten installiert werden. Die Kontrolle bleibt so vor Ort“, erläutert Sekkaki. Ein Ansatz im Sinne des Datenschutzes, der gleichzeitig die Energiekosten für die KI-Infrastruktur begrenzt.

Transformation noch lange nicht abgeschlossen

Die Entscheidung für eine souveräne Cloud heißt jedoch nicht, dass die Investitionen der letzten zehn Jahre in Skywise sinnlos gewesen wären. Im Übrigen verlängerte und verstärkte Airbus im Februar 2026 die langjährige Zusammenarbeit mit dem Dienstleister Palantir, dessen Plattform weiterhin das Fundament der konzerneigenen Datenstrategie bildet. „Derzeit gibt es für Airbus wohl keine gangbare Alternative zu Palantir. Eine vergleichbare Plattform neu aufzubauen würde hohe Investitionen erfordern“, so Jonas Murby.

Der europäische Flugzeughersteller setzt deshalb auf einen pragmatischen Kurs mit einer Multicloud-Architektur, die je nach Verwendungszweck mal souveräne Lösungen, mal herkömmliche Infrastrukturen nutzt. Ein abgestufter Ansatz, der europäischen Firmen genug Zeit lässt, um ihre Cloudservice-Angebote auszubauen.

Im Grunde veranschaulicht die Datenstrategie von Airbus die Entwicklung bestimmter Industriekonzerne: Daten sind nicht mehr nur ein Stellhebel für mehr betriebliche Performance, sondern ein strategisches Asset, das Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und technologische Souveränität bedingt. Eine Feststellung, die in Zeiten der allgemeinen Reindustrialisierung der gesamten Industrie des alten Kontinents als Richtschnur dienen könnte.

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* Ein „Data Lake“ (Datensee) ist ein zentraler, mit einer Big-Data-Infrastruktur verknüpfter Datenspeicher. Damit können Unternehmen und Institutionen große Datenmengen importieren und an einem einzigen Ort speichern, unabhängig von Datenquelle und -art.

**„On Premise“-Hard- oder Software wird „vor Ort“ von der unternehmenseigenen IT gehostet und gepflegt.

10/11/2026

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