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Angesichts von steigendem Wettbewerbsdruck, Energiewende und Margenrückgang beschleunigt die Autoindustrie ihre digitale Transformation. Ob Cloud, digitale Zwillinge oder künstliche Intelligenz – von Volkswagen über Toyota und Ford bis hin zu Renault durchleben Autokonzerne eine leise, aber entscheidende Revolution.

Um im Rennen zu bleiben, hat sich Volkswagen zu massiven Investitionen in Cloud und KI entschlossen. Im August 2025 hat der deutsche Konzern seine Partnerschaft mit Amazon Web Services um fünf Jahre verlängert und möchte auf diesem Wege seine 2019 implementierte Industrial Cloud weiter auszubauen. Langfristig sollen so alle 122 Werke des Konzerns über eine einzige digitale Plattform vernetzt werden.

Zwischen 2020 und 2024 wurde diese Digital Production Platform (DPP) bereits an 43 Standorten in Europa und Amerika implementiert. Ob Echtzeit-Datenanalyse, Optimierung der Montagelinien oder prädiktive Instandhaltung – digitale Tools sollen die industrielle Effizienz verbessern und mittelfristig Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe erzielen. Eine proaktive Strategie des Herstellers, der bis 2030 knapp eine Milliarde Euro in KI-Lösungen investieren will.

Volkswagen ist allerdings bei weitem kein Einzelfall. Weltweit werden ähnliche Digitalisierungsoffensiven gestartet. So hat etwa BMW aus seiner iFactory eines der fortschrittlichsten Konzepte in Sachen intelligente Fabrik gemacht. Der Konzern stützt sich auf Google Cloud und digitale Zwillinge, um neue Fertigungslinien zu simulieren, bevor sie realisiert werden. Das Ergebnis: Eine flexiblere Fertigung, bessere Kostenkontrolle und noch mehr Ausstattungsvarianten bei den Fahrzeugen.

Doch Vorsicht: „Cloud-Plattformen sind zwar äußerst wichtig, reichen allein aber nicht aus“, warnt Joshua E. Siegel, Professor für Maschinenbau und Informatik an der Michigan State University. „Sie erfordern einige grundlegende Fähigkeiten und eine entsprechende Unternehmenskultur“, erklärt er gegenüber The Agility Effect. „Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, können derartige Plattformen hohe Kosten verursachen und Prozesse verkomplizieren, anstatt Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Für kleinere Zulieferer und Autofirmen sind On-Site-Lösungen oder hybride Ansätze häufig genauso effizient und haben zudem ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis.”

Vom Lean Manufacturing zur Smart Factory

Als Pionier in Sachen Lean Manufacturing nutzt Toyota die KI, um diese bereits bewährte Organisationsmethode weiter zu stärken – durch kollaborative Roboter, prädiktive Instandhaltung, Echtzeit-Anpassung der Taktraten usw. Bei dem riesigen japanischen Autokonzern gibt es immer mehr Initiativen, um Stillstände und Verschwendung zu reduzieren und die Fertigung datengestützt ständig weiter zu verbessern.

Der amerikanische Autobauer Tesla wiederum verkörpert einen radikaleren Ansatz. Seine Gigafactories funktionieren wie Softwareplattformen. Die KI optimiert die Warenströme, autonome Roboter lösen den Menschen ab und jeder Produktionsschritt generiert Daten, die unmittelbar analysiert werden. Eine vertikale Integration, durch die der Hersteller die herkömmlichen Produktionszyklen durchbrechen kann.

„Cloud-Plattformen erfordern eine Reihe grundlegender Fähigkeiten und eine entsprechende Unternehmenskultur.”

Bei Renault illustriert der in China entwickelte und in Europa gebaute Twingo 2026 die Strategie des französischen Autokonzerns zur Beschleunigung seiner digitalen Transformation mittels agiler Methoden, digitaler Tools, der Softwarekultur und der digitalen Engineering-Prozesse der chinesischen Elektrofahrzeug-Marktführer. So wurde der neue Twingo in nur einundzwanzig Monaten im ACDC-Zentrum Shanghai entwickelt – der Prototyp war bereits nach vier Wochen fertig und kostete unter 20.000 €.

In einem anderen Bereich setzt der französische Autohersteller unterstützt von Google Cloud auf eine Strategie mit den Schwerpunkten prädiktive Analyse, Logistik und betriebliche Performance. Ford setzt ebenfalls auf Google Cloud und verwendet Künstliches Sehen, um in den Werken Montagefehler in Echtzeit zu erkennen. So werden deutlich weniger Rückrufe erforderlich. Und das amerikanische Hyundai-Werk Metaplant, das von Anfang an auf fortschrittliche Robotik und KI ausgerichtet war, fungiert als Vorreiter der nächsten „Smart Factory“-Generation.

Wachsende technische Komplexität

Die Autokonzerne profitieren spürbar: geringere Produktionskosten, bessere Qualität, optimierte Logistik, schnellere Anpassung an Engpässe und Unwägbarkeiten, noch vielfältigere Wahlmöglichkeiten bei der Fahrzeugkonfiguration.

Aber die Transformation bringt auch Herausforderungen mit sich. Mehr vernetzte Systeme machen die Werke anfälliger für Cyberangriffe. Die Umstellung erfordert zudem neue Kompetenzen. Ob Dateningenieur:innen, Fachleute für Industrie-KI oder Cloud-Architekt:innen – der Fachkräftemangel ist ein weltweites Problem. Deshalb haben die meisten Autokonzerne umfangreiche interne Qualifizierungsprogramme aufgelegt.

Last but not least stellt sich aufgrund der Abhängigkeit von den großen amerikanischen Cloudanbietern die Frage der technologischen Souveränität, insbesondere in Europa.

In den Augen von Joshua E. Siegel „müssen bei der Analyse des Return on Investment (RoI) sowohl direkte Effizienzgewinne als auch der Wert des Ökosystems an sich berücksichtigt werden. Letzterer ist allerdings schwieriger zu ermitteln und hängt mit der Aktivierung neuer Funktionen zusammen, etwa digitale Zwillinge, prädiktive Instandhaltung und Optimierung der Lieferkette in Echtzeit.“

Der hohe RoI“, fügt er hinzu, „ergibt sich häufig aus der Infrastruktur und den notwendigen organisatorischen Veränderungen und gar nicht so sehr aus der Plattform selbst. Der Netzwerkeffekt verstärkt die Vorteile, denn auch die Partnerfirmen profitieren vom gemeinsamen Datenzugang.”

Richtung „software-defined“

Diese industrielle Transformation bereitet einen weiteren Umbruch vor: Die Einführung des „Software-Defined Vehicle“. Zukünftige Fahrzeugmodelle werden als skalierbare Softwareplattformen mit ständigen Updates konzipiert. Das erfordert eine industrielle Infrastruktur, die riesige Datenmengen verarbeiten kann und komplexe Softwarestrukturen unterstützt (siehe unten). Auch die Werke werden also „software-defined“: vernetzt, modular, fähig zur Produktionsanpassung in Echtzeit und zur Erkennung von Problemen, bevor sie auftreten.

Die laufende Transformation stellt Cloud, Daten und KI in den Mittelpunkt der industriellen Strategien. In einer Branche, wo der kleinste Produktionsstopp sofort ein Vermögen kostet, sind diese Tools heutzutage ein Muss: Sie entscheiden über Innovationsfähigkeit, Produktionsgeschwindigkeit und Kostenkontrolle.

Bleibt noch ein wesentliches Problem: Die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter. „Das kann zu Kostenexplosionen führen, und die Fragilität der Integrationsebenen erfordert eine permanente Maintenance – schließlich werden die Programmierschnittstellen (API) ständig weiterentwickelt und die Technik zunehmend komplexer. Die betriebliche Abhängigkeit schafft Schwachstellen, während gleichzeitig angesichts verschärfter regulatorischer Anforderungen die Bedenken hinsichtlich Datenhoheit und -management wachsen“, analysiert Siegel.

In diesem globalen Wettlauf werden möglicherweise nicht diejenigen siegen, die die besten Elektrofahrzeuge oder die modernsten Fahrassistenzsysteme verkaufen. Auf den vorderen Plätzen werden nämlich auch und vielleicht vor allem diejenigen landen, die es schaffen, ihre Fabriken in echte digitale Ökosysteme zu verwandeln. Enorm viel Arbeit also, aber zur Konzeption des Autos von morgen unerlässlich.


Das Auto als rollendes Smartphone

Moderne Fahrzeuge sind nicht mehr nur Transportmittel, sondern mobile, mit KI ausgestattete, vernetzte Softwareplattformen mit permanenten Online-Updates. Die Autokonzerne setzen auf das Software-Defined Vehicle (SDV): Das Fahrzeug wird um seine Software-Architektur herum gebaut, kann sich neu programmieren, seine Leistung optimieren und auf Abruf Optionen aktivieren. Volvo, Honda, Tesla und Hyundai-Kia weisen den Weg. Die digitalen Onboard-Dienste (Sprachassistenten, vernetztes Fahren, Streaming oder individuelle Empfehlungen) verändern die Benutzererfahrung und eröffnen neue Einnahmequellen, etwa die von Tesla vermarkteten OTA-Abos („Over-the-Air“).

In Europa stößt die neue Technik derzeit noch auf Akzeptanzprobleme: Komplexe Schnittstellen, falsch aufgefasste Monetarisierungsmodelle und fehlende Kompetenzen auf Händlerseite tragen dazu bei. In China verläuft die Entwicklung genau umgekehrt: Dort wird das Auto mittlerweile als voll integriertes Digitalprodukt verstanden, und Schnittstelle, Personalisierung und die reibungslose Verwendung aller Services sind Bestandteil der Benutzererfahrung. Damit dies auch in Europa funktioniert, müssen die Hersteller die Nutzer:innen in den Mittelpunkt ihres Designs stellen, die Anwendung vereinfachen und die Software nicht als Ergänzung, sondern als zentralen Treiber für Wertschöpfung und intelligente Mobilität begreifen.


Industrie 4.0: Actemium als wesentlicher Akteur

VINCI Energies ist an der Revolution der Automobilindustrie und der Industrie 4.0 im Allgemeinen beteiligt. Über die Industriemarke Actemium implementiert die Gruppe Lösungen, die für die Industrie 4.0 von zentraler Bedeutung sind. Ihre Teams integrieren KI in bestehende Roboter, um Qualitätskontrolle und prädiktive Wartung zu verbessern. Sie steigern auch die Energieeffizienz von Fabriken, etwa bei der belgischen Aluminium Duffel, wo Motoren und Antriebe mit Energierückgewinnung eingebaut wurden. Parallel dazu entwickelt Actemium digitale Zwillinge und Virtual-Reality-Tools, um Fertigungslinien zu planen und zu optimieren. Die Marke automatisiert außerdem die Schweißroboterplattformen des spanischen Zulieferers Gestamp – ein wesentlicher Bestandteil intelligenter Fabriken. Währenddessen erhöht Axians, die ICT-Marke von VINCI Energies, die Cybersicherheit industrieller Systeme.


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16/04/2026

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